Carbon Accounting bezeichnet die systematische Erfassung, Berechnung und Zuordnung von Treibhausgasemissionen – auf Unternehmens-, Werks-, Linien-, Auftrags- oder Produktebene. Im Fertigungskontext geht es nicht nur um die Frage wie viel CO2 ein Unternehmen insgesamt emittiert, sondern um eine deutlich anspruchsvollere Frage: Wie viel CO2 steckt in einem bestimmten Produkt, einer bestimmten Charge, einem bestimmten Fertigungsauftrag?
Diese Granularität ist kein akademisches Thema. CSRD-Berichtspflichten, Scope-3-Datenanfragen von OEMs, der Digitale Produktpass und der Carbon Border Adjustment Mechanism setzen alle voraus dass Emissionen nicht nur auf Unternehmensebene bekannt sind, sondern auf Produkt- und Chargenebene berechnet werden können.
Unternehmens-Carbon-Accounting folgt dem GHG Protocol und berechnet die Gesamtemissionen einer Organisation nach Scope 1, 2 und 3 für einen definierten Berichtszeitraum. Das Ergebnis ist eine jährliche Treibhausgasbilanz – nützlich für CSRD-Reporting und Investorenkommunikation, aber nicht granular genug für Produktnachweise.
Produktbezogenes Carbon Accounting berechnet den CO2-Fußabdruck eines einzelnen Produkts oder einer Charge über seinen Lebenszyklus oder einen definierten Systemausschnitt – typischerweise Cradle-to-Gate also von der Rohstoffgewinnung bis zum Verlassen des Werks. Das Ergebnis ist ein produktspezifischer CO2-Wert in Kilogramm CO2-Äquivalent je Einheit oder Kilogramm Output.
Für Fertigungsunternehmen die Lieferkettendatenanfragen beantworten oder einen Digitalen Produktpass befüllen müssen, ist das produktbezogene Carbon Accounting der relevante Ansatz.
Der produktbezogene CO2-Fußabdruck eines Fertigungserzeugnisses setzt sich aus mehreren Komponenten zusammen.
Materialemissionen sind der größte Anteil bei den meisten Produkten. Sie umfassen die Emissionen die bei der Herstellung der eingesetzten Rohstoffe und Vorprodukte entstanden sind – der Emissionsfaktor je Kilogramm Material multipliziert mit dem tatsächlichen Materialeinsatz je Einheit. Für Stahlprodukte dominiert dieser Anteil, für Kunststoffprodukte ebenfalls.
Prozessenergie umfasst den direkten Energieverbrauch der Fertigungsprozesse die dem Produkt zugeordnet werden: Strom und Wärme für Maschinen, Öfen, Pressen, Bearbeitungszentren. Der Energieverbrauch wird mit dem Emissionsfaktor des jeweiligen Energieträgers multipliziert – für Strom ist das der Strommix des Beschaffungszeitpunkts oder ein vertraglich gesicherter Ökostromnachweis.
Hilfsstoffe und Verbrauchsmaterialien wie Kühlschmierstoffe, Schweißgase und Verpackungsmaterialien können je nach Produktkategorie und Genauigkeitsanforderung einbezogen werden.
Interne Logistik und Infrastruktur kann anteilig zugeordnet werden, hat aber bei den meisten Fertigungsprodukten einen vergleichsweise kleinen Anteil.
Die größte methodische Herausforderung im produktbezogenen Carbon Accounting ist die Allokation – also die Frage wie Emissionen die für mehrere Produkte gemeinsam anfallen auf einzelne Produkte verteilt werden.
Wenn eine Maschine in einer Stunde drei verschiedene Artikel produziert, wie wird der Energieverbrauch dieser Stunde auf die Produkte aufgeteilt? Das GHG Protocol und ISO 14067 empfehlen folgende Allokationsreihenfolge.
Physikalische Allokation ist die bevorzugte Methode: Emissionen werden anhand physikalischer Eigenschaften zugeordnet – Masse, Volumen, Stückzahl oder Fertigungszeit. Wenn eine Maschine 60% ihrer Laufzeit für Produkt A und 40% für Produkt B aufwendet, werden die Emissionen im Verhältnis 60:40 zugeteilt.
Ökonomische Allokation verteilt nach Wertanteilen – weniger präzise aber manchmal das einzig praktikable Verfahren wenn physikalische Allokation nicht möglich ist.
Systemerweiterung vermeidet Allokation indem Nebenprodukte explizit modelliert werden – methodisch sauber aber komplex.
Für die Praxis im Mittelstand gilt: Fertigungszeit- oder massebasierte Allokation ist der pragmatische Einstieg. Wer Maschinenlaufzeiten je Auftrag aus einem MES zieht, hat die Datengrundlage für eine zeitbasierte Allokation direkt verfügbar.
Carbon Accounting auf Auftrags- und Produktebene ist nur möglich wenn folgende Daten strukturiert und auftragsbezogen vorliegen.
Energieverbrauch je Maschine und Zeitraum – idealerweise auf Auftragsbasis wenn Energiezähler mit Auftragsdaten verknüpft sind, sonst auf Schicht- oder Linienbasis mit zeitbasierter Allokation auf Aufträge.
Maschinenlaufzeit je Auftrag – aus dem MES direkt verfügbar wenn Aufträge mit Maschinenzustandsdaten verknüpft sind. Ermöglicht zeitbasierte Energieallokation auch ohne auftragsgenaue Energiezähler.
Materialeinsatz je Auftrag – welche Rohstoffe und Halbfabrikate wurden in welcher Menge für einen Auftrag verbraucht. In Kombination mit Emissionsfaktoren je Materialtyp ergibt das den materialbasierten CO2-Anteil.
Ausschuss und Nacharbeit je Auftrag – Ausschussmaterial verbraucht Energie und Material ohne Output zu erzeugen. Für eine korrekte CO2-Intensität je guter Einheit muss Ausschuss berücksichtigt werden: Die Emissionen des Ausschusses werden den guten Einheiten zugerechnet.
Chargennummern und Materialherkunft – für produktspezifische Emissionsberechnungen muss nachvollziehbar sein welches Material aus welcher Lieferung von welchem Lieferanten eingesetzt wurde – weil Emissionsfaktoren je Lieferant variieren können.
Dedizierte Carbon-Accounting-Softwaretools – etwa Persefoni, Watershed, Sweep oder branchenspezifische Lösungen – übernehmen die Berechnung, Aggregation und Berichterstattung von Treibhausgasemissionen. Sie sind das Reporting-Layer.
Das MES ist das Daten-Layer: Es liefert die produktionsspezifischen Rohdaten – Laufzeiten, Energieverbrauch, Materialmengen, Ausschuss, Chargenverknüpfungen – die Carbon-Accounting-Tools für die Berechnung benötigen. Ohne saubere Produktionsdaten aus dem Shopfloor rechnen Carbon-Accounting-Tools mit Schätzwerten und Durchschnittswerten – was zu ungenauen und nicht verifizierbaren Ergebnissen führt.
Die Integration zwischen MES und Carbon-Accounting-Software ist damit ein zentrales Architekturthema für Fertigungsunternehmen die belastbares produktbezogenes Carbon Accounting aufbauen wollen.
Was ist der Unterschied zwischen Carbon Accounting und Carbon Footprint? Der Carbon Footprint ist das Ergebnis – ein spezifischer CO2-Wert für ein Produkt, ein Unternehmen oder eine Aktivität. Carbon Accounting ist der Prozess – die systematische Methodik zur Erfassung, Berechnung und Zuordnung der Emissionen die zum Carbon Footprint führen. Carbon Accounting ist die Grundlage, der Carbon Footprint ist die Kennzahl.
Was ist ISO 14067 und warum ist sie relevant? ISO 14067 ist der internationale Standard für die Berechnung des Carbon Footprints von Produkten. Er definiert Prinzipien, Anforderungen und Leitlinien für produktbezogene Treibhausgasbilanzen und ist die methodische Referenz für den CBAM-Nachweis, den Digitalen Produktpass und die EU-Batterieverordnung. Wer produktbezogenes Carbon Accounting nach ISO 14067 durchführt, erfüllt damit die methodischen Anforderungen mehrerer EU-Regulierungen gleichzeitig.
Wie genau müssen Carbon-Accounting-Berechnungen sein? Das hängt vom Verwendungszweck ab. Für interne Steuerungszwecke und erste CSRD-Berichte sind aktivitätsbasierte Berechnungen mit Durchschnittsemissionsfaktoren akzeptabel. Für verifizierbare Produktnachweise im Rahmen von CBAM, Batteriepass oder OEM-Datenanfragen werden zunehmend primäre Lieferantendaten und auftragsgenaue Produktionsdaten verlangt. Die Anforderungen an Genauigkeit steigen mit dem Reifegrad der Regulierung.
Wer im Unternehmen ist für Carbon Accounting verantwortlich? In der Praxis liegt die Verantwortung oft zwischen Nachhaltigkeitsmanagement, Controlling und Produktion – ohne klare Ownership. Das ist ein strukturelles Problem: Carbon Accounting braucht Produktionsdaten die nur der Shopfloor liefert, Emissionsfaktoren die Einkauf und Lieferanten beisteuern müssen, und Berechnungslogik die typischerweise im Controlling oder Nachhaltigkeitsmanagement liegt. Erfolgreiche Umsetzungen haben eine klare Ownership und einen definierten Datenprozess zwischen diesen drei Funktionen.