Manufacturing Glossar zu OEE, MES & Produktion – SYMESTIC

E2E Traceability: Definition und Bedeutung in der Fertigung

Geschrieben von Symestic | Feb 24, 2026 11:48:53 AM

E2E Traceability bezeichnet die lückenlose Rückverfolgbarkeit eines Produkts über die gesamte Wertschöpfungskette – vom Wareneingang über Fertigung, Montage und Prüfung bis zur Auslieferung. Erfasst wird dabei sowohl der Materialfluss (welche Teile gehen wohin?) als auch der Informationsfluss (welche Prozess- und Qualitätsdaten sind mit welchem Produkt verknüpft?).

Forward & Backward Traceability

E2E Traceability funktioniert in beide Richtungen:

Backward Traceability geht von einem fehlerhaften Produkt rückwärts zu den eingesetzten Komponenten, Chargen, Maschinen und Prozessparametern. Sie beantwortet die Frage: Wie ist dieser Fehler entstanden?

Forward Traceability geht von einer fehlerhaften Komponente oder Charge vorwärts zu allen betroffenen Endprodukten und Lieferungen. Sie beantwortet: Welche weiteren Einheiten sind betroffen und müssen gesperrt oder zurückgerufen werden?

Nur wenn beide Richtungen digital abgebildet sind, kann ein Werk im Fehlerfall gezielt statt flächendeckend reagieren.

Product Genealogy: Der digitale Stammbaum des Produkts

Eng verbunden mit E2E Traceability ist das Konzept der Product Genealogy – dem vollständigen digitalen Stammbaum eines Produkts. Er dokumentiert:

  • Seriennummern und Chargen aller verbauten Komponenten
  • Maschinen, Linien, Stationen und Schichten
  • Prozessdaten (Drehmomentkurven, Temperaturprofile, Zykluszeiten)
  • Qualitätsergebnisse (OK/NOK, Prüfwerte, Rework-Historie)

Damit wird ein Produkt zu einem vollständig dokumentierten, digitalen Objekt – rückwärts zur Root-Cause-Analyse, vorwärts zum gezielten Rückruf nutzbar.

Welche Daten müssen erfasst werden?

Grundvoraussetzung sind eindeutige IDs und kontextbezogene Events, erfasst im Moment ihrer Entstehung – nicht nachträglich:

  • Materialnummer, Charge, Lot, Seriennummer
  • Produktionsauftrag, Operation, Variante
  • Maschinen-ID, Linie, Werkzeug, Bediener
  • Montageschritte mit Komponenten-Seriennummern
  • Prüfergebnisse, Sperrungen, Freigaben, Abweichungen

Nachträgliche Excel-Protokolle erfüllen diese Anforderung in der Regel nicht.

Rolle von MES, ERP und SCADA

E2E Traceability entsteht im Zusammenspiel mehrerer Systeme: Das ERP liefert Stamm- und Auftragsdaten. Das MES steuert und dokumentiert die Ausführung, verknüpft Komponenten-IDs mit Endprodukten und stellt Traceability-Reports bereit. SCADA und Historian liefern Roh-Prozessdaten, die über eindeutige IDs mit MES- und ERP-Daten verknüpft werden.

Ein konsistentes Datenmodell über alle Systeme hinweg ist Voraussetzung dafür, dass diese Verknüpfung belastbar funktioniert.

Nutzen von E2E Traceability

  • Gezielte Rückrufe: Nur tatsächlich betroffene Seriennummern oder Chargen werden gesperrt – keine pauschalen Werks-Shutdowns.
  • Schnellere Root-Cause-Analysen: Die Genealogy zeigt, welche Kombination aus Produkt, Station, Schicht und Lieferant auffällig ist.
  • Compliance: OEMs, Automotive, Luftfahrt und MedTech erwarten lückenlose Traceability – ohne digitale Lösung kaum auditfähig.
  • Grundlage für Predictive Quality: Nur sauber verknüpfte Genealogy- und Prozessdaten ermöglichen robuste Vorhersagemodelle.

FAQ

Reicht Batch-Traceability aus? Für viele OEM-Programme und sicherheitsrelevante Komponenten nicht. Seriennummern-basierte Traceability mit detaillierter Product Genealogy wird zunehmend vorausgesetzt.

Braucht man dafür ein MES? Ab einer gewissen Komplexität ja. Papier, Excel und isolierte SCADA-Systeme skalieren für E2E Traceability nicht zuverlässig.

Wo pragmatisch starten? Mit den kritischsten Produktfamilien, klaren IDs (Lot/Serial) und einem ersten Genealogy-Report. Danach schrittweise mehr Stationen, Prozessdaten und Werke einbeziehen.