Manufacturing Glossar zu OEE, MES & Produktion – SYMESTIC

Scope 3 Emissionen in der Fertigung: Definition, Berechnung und Umsetzung

Geschrieben von Symestic | Feb 26, 2026 1:54:59 PM

Scope 3 Emissionen sind alle indirekten Treibhausgasemissionen die entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette eines Unternehmens entstehen – also weder aus eigenen Anlagen noch aus eingekaufter Energie, sondern aus allem was davor und danach passiert. Sie sind die umfangreichste und zugleich schwierigste Emissionskategorie: Bei den meisten Industrieunternehmen machen Scope 3 Emissionen 70 bis über 90 Prozent des gesamten CO2-Fußabdrucks aus.

Scope 3 ist kein freiwilliges Nachhaltigkeitsthema mehr. Die CSRD macht die Berichterstattung über wesentliche Scope-3-Kategorien für berichtspflichtige Unternehmen verpflichtend. OEMs und Tier-1-Lieferanten fordern CO2-Daten von ihren Zulieferern – weil sie diese für ihre eigene Scope-3-Bilanz brauchen. Wer als Zulieferer keine belastbaren Produktionsdaten liefern kann, gerät unter Lieferkettendruck.

Das GHG Protocol: Scope 1, 2 und 3 im Überblick

Das Greenhouse Gas Protocol (GHG Protocol) ist der internationale Standard zur Treibhausgasbilanzierung. Es teilt Emissionen in drei Scopes ein.

Scope 1 umfasst direkte Emissionen aus eigenen oder kontrollierten Quellen: Gasverbrennung in Produktionsanlagen, Prozessemissionen, Dieselverbrauch eigener Fahrzeuge.

Scope 2 umfasst indirekte Emissionen aus eingekaufter Energie: Strom, Wärme, Dampf und Kälte die von Dritten bezogen werden.

Scope 3 umfasst alle anderen indirekten Emissionen in der Wertschöpfungskette – aufgeteilt in 15 Kategorien die das GHG Protocol Corporate Value Chain Standard definiert. Diese 15 Kategorien unterscheiden vorgelagerte Aktivitäten (upstream) und nachgelagerte Aktivitäten (downstream).

Die 15 Scope-3-Kategorien und welche für die Fertigung relevant sind

Das GHG Protocol definiert 15 Scope-3-Kategorien. Für produzierende Unternehmen im Mittelstand sind folgende besonders relevant.

Kategorie 1 – Eingekaufte Waren und Dienstleistungen ist typischerweise die größte Kategorie für Fertigungsunternehmen. Sie umfasst die Emissionen die bei der Herstellung aller eingekauften Materialien und Vorprodukte entstehen. Wer Stahl, Aluminium, Kunststoffe oder elektronische Bauteile einkauft, übernimmt damit die Emissionen aus deren Produktion.

Kategorie 3 – Brennstoff- und energiebezogene Aktivitäten erfasst Emissionen aus der Gewinnung und dem Transport der eigenen Energie – also was vor dem Stromzähler passiert.

Kategorie 4 – Upstream-Transport und -Verteilung umfasst den CO2-Gehalt der Logistik von Lieferanten zum eigenen Werk.

Kategorie 5 – Abfall aus dem Betrieb erfasst Emissionen aus der Entsorgung von Produktionsabfällen.

Kategorie 11 – Nutzung verkaufter Produkte ist für Hersteller energieverbrauchender Produkte wie Maschinen, Fahrzeuge oder Haushaltsgeräte oft die größte Einzelkategorie.

Kategorie 12 – End-of-Life-Behandlung verkaufter Produkte umfasst Emissionen aus der Entsorgung und dem Recycling der eigenen Produkte.

Warum Scope 3 in der Produktion ein Datenproblem ist

Scope 1 und Scope 2 entstehen im eigenen Betrieb und lassen sich durch Messung direkt erfassen. Scope 3 entsteht bei Dritten – und muss deshalb über Daten aus der Lieferkette, aus Produktionsprozessen und aus Produktnutzungsmodellen berechnet werden.

Für Kategorie 1 – eingekaufte Waren – braucht ein Fertigungsunternehmen den CO2-Gehalt seiner Rohmaterialien und Vorprodukte pro Kilogramm oder Einheit. Diese Daten kommen entweder von Lieferanten die eigene Produktemissionen berechnet haben, aus branchenspezifischen Emissionsdatenbanken wie ecoinvent oder EXIOBASE, oder aus generischen Schätzwerten die ungenau aber als Einstieg nutzbar sind.

Für eine belastbare Berechnung braucht das Fertigungsunternehmen zwei Dinge: erstens den Materialverbrauch je Auftrag und Charge aus der Produktion, und zweitens den Emissionsfaktor je Materialkategorie vom Lieferanten oder aus einer Datenbank. Multipliziert ergibt das den materialbezogenen Scope-3-Anteil pro Produkt.

Wer Materialverbräuche nicht auftragsbezogen erfasst – also nicht weiß wie viel Kilogramm Stahl in einem bestimmten Auftrag verarbeitet wurden – kann Kategorie-1-Emissionen auf Produktebene nicht berechnen. Das ist exakt die Datenlücke die ein MES schließt.

Was CSRD und OEM-Datenanfragen konkret fordern

Unter der CSRD müssen berichtspflichtige Unternehmen ihre wesentlichen Scope-3-Kategorien identifizieren und berichten. Die Wesentlichkeitsanalyse entscheidet welche Kategorien berichtet werden müssen – für die meisten Fertigungsunternehmen sind das mindestens Kategorie 1 und Kategorie 11.

Der ESRS E1 Standard fordert nicht nur Gesamtemissionen, sondern auch Angaben zu Reduktionszielen, Maßnahmen und dem Fortschritt. Das setzt voraus dass Emissionen nicht nur einmalig berechnet, sondern regelmäßig gemessen und mit dem Vorjahr verglichen werden.

Parallel dazu entstehen direkte Datenanfragen von OEMs und großen Abnehmern. Wenn ein Automobilhersteller seinen Scope-3-Footprint berichten muss und Kategorie 1 seiner Scope-3-Bilanz die eingekauften Zulieferteile sind, braucht er von jedem Tier-1-Lieferanten den CO2-Gehalt der gelieferten Teile. Der Tier-1-Lieferant braucht dafür seinerseits die Daten seiner Tier-2-Zulieferer. Diese Datenanfragen kommen heute bereits als CDP-Fragebögen, als Lieferantenbefragungen der OEMs und als Vertragsanforderungen.

Berechnungsmethoden: Spend-basiert, Aktivitätsbasiert und Lieferantendaten

Das GHG Protocol beschreibt drei Berechnungsansätze mit unterschiedlicher Genauigkeit.

Spend-basierte Methode nutzt Einkaufsausgaben multipliziert mit branchendurchschnittlichen Emissionsintensitäten. Einfach zu berechnen, aber ungenau – weil sie keine Produktspezifik abbildet.

Aktivitätsbasierte Methode nutzt physische Aktivitätsdaten – Kilogramm Material, Tonnenkilometer Transport – multipliziert mit Emissionsfaktoren aus Datenbanken. Genauer als spend-basiert, erfordert aber strukturierte Produktionsdaten.

Lieferantenspezifische Methode nutzt verifizierte Produktemissionsdaten direkt vom Lieferanten. Die genaueste Methode – aber abhängig davon dass Lieferanten ihre Emissionen selbst berechnet und kommuniziert haben.

Für die Praxis gilt: Einsteiger beginnen mit spend-basiert, entwickeln mittelfristig aktivitätsbasierte Berechnungen für die wesentlichen Kategorien und ersetzen schrittweise mit lieferantenspezifischen Daten wo die Kategorie wesentlich und der Lieferant datenfähig ist.

FAQ

Müssen alle 15 Scope-3-Kategorien berichtet werden? Nein. Das GHG Protocol und die CSRD verlangen die Berichterstattung über wesentliche Kategorien. Wesentlichkeit bestimmt sich nach dem Emissionsvolumen – typischerweise gilt eine Kategorie als wesentlich wenn sie mehr als 5% der gesamten Scope-3-Emissionen ausmacht. Für die meisten Fertigungsunternehmen sind das drei bis fünf Kategorien.

Was ist der Unterschied zwischen Scope 3 upstream und downstream? Upstream-Emissionen entstehen vor der eigenen Produktion – also bei Rohstoffgewinnung, Vorprodukten und dem Transport dieser Waren zum eigenen Werk. Downstream-Emissionen entstehen nach der eigenen Produktion – also bei Transport, Nutzung und Entsorgung der eigenen Produkte. Für Zulieferer dominieren typischerweise die Upstream-Kategorien, für Hersteller energieverbrauchender Produkte die Downstream-Kategorien.

Wie unterscheiden sich Scope 3 Berechnungen für ein Automobilzulieferer vs. einen Lebensmittelhersteller? Beim Automobilzulieferer dominiert Kategorie 1 durch den hohen Anteil metallischer Vorprodukte mit energie­intensiver Herstellung – Stahl und Aluminium haben hohe Emissionsintensitäten. Beim Lebensmittelhersteller dominiert Kategorie 1 durch landwirtschaftliche Rohstoffe mit teils hohen Methan- und Lachgasemissionen sowie Kategorie 11 durch den Energieverbrauch von Kühlung und Zubereitung beim Konsumenten.

Was passiert wenn Lieferanten keine CO2-Daten bereitstellen können? Dann werden Durchschnittswerte aus Emissionsdatenbanken verwendet – was zu weniger genauen Berechnungen führt. Langfristig werden OEMs und große Abnehmer zunehmend verifizierte Lieferantendaten verlangen. Lieferanten die keine Emissionsdaten bereitstellen können, geraten unter Wettbewerbsdruck gegenüber Lieferanten die transparente CO2-Bilanzen liefern.