Ein Manufacturing Execution System lohnt sich nicht für jedes Unternehmen. Wer ohne stabile Prozesse, klare Ziele oder Digitalisierungsbereitschaft startet, skaliert mit einem MES nur das bestehende Chaos. Dieser Artikel zeigt konkret, wann Sie besser warten – oder ganz verzichten sollten.
Die MES-Branche redet viel über Vorteile: OEE-Steigerung, Transparenz, Effizienz.
Was selten jemand sagt: Ein MES ist ein Werkzeug - kein Reifegradersatz.
Wenn die Grundlagen fehlen, wird aus der Investition ein teures Datenfriedhof-Projekt.
Wir bei SYMESTIC beraten regelmäßig Unternehmen, denen wir von einer MES-Einführung abraten – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt. Nicht weil unser Produkt nicht passt, sondern weil die Voraussetzungen nicht stimmen. Dieser Artikel fasst zusammen, was wir aus hunderten Gesprächen gelernt haben.
Ein MES verändert Arbeitsweisen. Wenn Schichtleiter, Maschinenbediener oder die Geschäftsführung nicht bereit sind, mit digitalen Daten zu arbeiten, wird das System nicht genutzt – oder aktiv sabotiert.
Typische Warnsignale:
Ehrliche Einschätzung: Digitalisierungsbereitschaft lässt sich nicht durch Software erzwingen. Ein MES einzuführen, bevor die Kultur bereit ist, erzeugt Widerstand – und der kostet mehr als jede Softwarelizenz.
Ein Einzelunternehmer mit einer CNC-Maschine braucht kein MES. Die Faustregel: Wenn Sie alle Maschinen, Aufträge und Mitarbeiter im Kopf behalten können, ist Excel oder eine einfache Plantafel effizienter.
Grenzwerte zur Orientierung:
| Kriterium | MES eher nicht sinnvoll | MES prüfenswert |
|---|---|---|
| Mitarbeiter in der Produktion | < 15 | > 25 |
| Anzahl Maschinen/Anlagen | < 5 | > 10 |
| Aufträge pro Tag | < 5 | > 15 |
| Schichtbetrieb | Nein | Ja (2+ Schichten) |
Ausnahme: Hochautomatisierte Kleinbetriebe mit teurem Equipment (z. B. Spritzguss, CNC-Bearbeitung) können auch bei wenigen Maschinen von OEE-Transparenz profitieren – wenn die Stillstandskosten pro Stunde signifikant sind.
Ein MES braucht Daten. Wer heute nicht weiß, wie lange ein Auftrag dauert, welche Stillstandsgründe auftreten oder wie hoch der Ausschuss ist, wird diese Lücken nicht durch Software schließen – sondern nur digital sichtbar machen.
Kritische Fragen vor dem Start:
Wenn mehr als zwei dieser Fragen mit „Nein" beantwortet werden, ist der erste Schritt nicht MES, sondern Prozess-Grundlagenarbeit.
MES-Systeme sind für diskrete Fertigung optimiert: zählbare Produkte, wiederkehrende Prozesse, messbare Taktzeiten. Wenn Ihr Geschäftsmodell darauf basiert, dass jedes Projekt einzigartig ist oder keine physische Produktion stattfindet, passt ein MES nicht.
Typische Fehlpassungen:
Was stattdessen hilft: Projektmanagement-Software, ERP mit Zeiterfassung oder branchenspezifische Lösungen.
„Wir brauchen ein MES, weil alle eins haben" ist kein Business Case. Ohne klare, messbare Ziele wird ein MES zur Reporting-Maschine ohne Wirkung.
Typische Ziellücken:
Gute Ziele klingen so:
Excel ist kein Feind. Für bestimmte Situationen ist eine Tabellenkalkulation die richtige Wahl:
Excel reicht aus, wenn:
Excel wird zur Kostenfalle, wenn:
Der Übergang ist fließend. Viele Unternehmen starten sinnvollerweise mit Excel und wechseln, wenn der Schmerz groß genug wird.
Realität: Ein MES macht Probleme sichtbar – lösen muss sie die Organisation. Wer keine Ressourcen für Verbesserungsmaßnahmen hat, sammelt nur Daten.
Realität: Ein Big-Bang-Rollout über 50 Maschinen scheitert fast immer. Erfolgreiche Einführungen beginnen mit einem Pilotbereich, lernen, iterieren – und skalieren dann.
Realität: Ein MES ist ein Produktions-Tool, kein IT-Projekt. Wenn der Shopfloor nicht eingebunden ist, wird das System nicht akzeptiert.
Realität: 80 % des Nutzens kommen aus 20 % der Funktionen – meist OEE-Erfassung, Stillstandsanalyse und einfache Auftragsverfolgung. Alles andere kann später kommen.
Die Entscheidung für oder gegen ein MES ist keine Frage von „modern vs. rückständig". Sie ist eine Frage von Passung: Passt das Werkzeug zur aktuellen Situation? Sind die Voraussetzungen erfüllt? Gibt es klare Ziele und die Bereitschaft, mit den Ergebnissen zu arbeiten?
Wenn Sie nach dem Lesen dieses Artikels unsicher sind, ob ein MES für Sie sinnvoll ist, ist das ein gutes Zeichen. Es bedeutet, dass Sie die Entscheidung ernst nehmen.
Unsere Empfehlung: Sprechen Sie mit einem Anbieter, der Ihnen auch sagen kann, dass Sie (noch) nicht bereit sind. Wir bei SYMESTIC führen regelmäßig Erstgespräche, nach denen wir von einer Einführung abraten – und das ist für beide Seiten besser als ein gescheitertes Projekt.
Unter 50 Mitarbeitern und 10 Maschinen ist ein vollwertiges MES oft überdimensioniert. Ein schlanker Einstieg über OEE-Erfassung kann sinnvoller sein als ein umfassendes System.
Neben den direkten Kosten (Lizenzen, Integration, Beratung) entstehen indirekte Kosten: verlorene Zeit, Frustration im Team, erschwerter Neustart. Typisch sind 50.000–200.000 € verlorene Investition bei mittelständischen Projekten.
Ja, und das ist empfehlenswert. Ein Pilotprojekt mit 5-10 Maschinen zeigt innerhalb von 4-8 Wochen, ob die Organisation bereit ist und ob der erwartete Nutzen realistisch ist.
Fehlende Verantwortlichkeit und mangelnde Ableitung von Maßnahmen aus den Daten. Das MES liefert Transparenz – aber wenn niemand handelt, bleibt es bei schönen Dashboards.