FSSC 22000 (Food Safety System Certification 22000) ist ein international anerkanntes Zertifizierungssystem für Lebensmittelsicherheitsmanagementsysteme. Es kombiniert die ISO 22000 – den internationalen Standard für Lebensmittelsicherheitsmanagementsysteme – mit produktkategorienspezifischen Vorraussetzungsprogrammen (PRPs) aus der ISO/TS 22002-Serie sowie zusätzlichen FSSC-spezifischen Anforderungen. FSSC 22000 ist von der Global Food Safety Initiative (GFSI) anerkannt und wird von Lebensmittelkonzernen und Einzelhändlern weltweit als Lieferantenqualifikation akzeptiert.
Während IFS Food und BRCGS ursprünglich aus dem Einzelhandel kommen und primär auf Retailer-Lieferanten ausgerichtet sind, hat FSSC 22000 seinen Schwerpunkt bei Herstellern die an Lebensmittelkonzerne und B2B-Kunden liefern – etwa Zutatenlieferanten, Halbfabrikatproduzenten und Hersteller von Lebensmittelzusatzstoffen.
FSSC 22000 ist modular aufgebaut und besteht aus drei aufeinander aufbauenden Schichten.
Schicht 1 – ISO 22000 ist die Basis. ISO 22000 ist der internationale Standard für Lebensmittelsicherheitsmanagementsysteme und folgt der High-Level-Structure (HLS) die auch ISO 9001 und ISO 45001 verwenden. Er verlangt ein vollständiges HACCP-basiertes Managementsystem mit Kontextanalyse, Risikobeurteilung, Planung, Betrieb, Leistungsbewertung und kontinuierlicher Verbesserung. ISO 22000 gilt branchenunabhängig – von der Primärproduktion bis zur Gastronomie.
Schicht 2 – ISO/TS 22002-Vorraussetzungsprogramme spezifizieren technische Anforderungen je Produktionskategorie. Für Lebensmittelhersteller gilt ISO/TS 22002-1 (Food Manufacturing), für Verpackungshersteller ISO/TS 22002-4, für Futtermittelhersteller ISO/TS 22002-6. Diese Standards definieren konkrete Anforderungen an Gebäude, Reinigung, Schädlingsbekämpfung, Fremdkörperkontrolle, Allergenmanagement und weitere operative Voraussetzungen.
Schicht 3 – FSSC-spezifische Zusatzanforderungen ergänzen ISO 22000 und die PRPs um Anforderungen die über den ISO-Standard hinausgehen: Lebensmittelbetrug (Food Fraud), Food Defense, Umweltüberwachung, Produktkennzeichnung, Allergenmanagement und Servicemanagement für Qualitätssicherungsdienstleister.
Aktuell gilt FSSC 22000 Version 6 – veröffentlicht 2023 mit vollständiger Anwendungspflicht ab April 2024. Version 6 stärkt die Anforderungen an Food Safety Culture, Umweltüberwachung und Lieferantenmanagement.
FSSC 22000 ist relevant für Unternehmen die in die globale Lebensmittellieferkette liefern und von Abnehmern eine GFSI-anerkannte Zertifizierung verlangen. Konkret sind das folgende Zielgruppen.
Zutaten- und Halbfabrikatproduzenten die an Lebensmittelkonzerne wie Nestlé, Unilever, Danone oder Kraft Heinz liefern – diese Konzerne fordern FSSC 22000 oft explizit als Lieferantenanforderung.
Hersteller von Lebensmittelzusatzstoffen, Aromen und Enzymen die für Lebensmittelproduzenten produzieren.
Verpackungshersteller die Lebensmittelkontaktmaterialien produzieren – hier gilt FSSC 22000 Verpackung mit ISO/TS 22002-4.
Lebensmittelproduzenten die sowohl in den Retail- als auch in den B2B-Markt liefern und eine einzige GFSI-Zertifizierung bevorzugen die von beiden Kundensegmenten akzeptiert wird.
Ein technischer Unterschied gegenüber IFS Food und BRCGS liegt in der HACCP-Methodik. ISO 22000 unterscheidet zwischen operativen Voraussetzungsprogrammen (oPRPs) und kritischen Kontrollpunkten (CCPs) – wobei oPRPs eine Zwischenstufe zwischen Grundvoraussetzungen und CCPs bilden. Diese Differenzierung ist spezifisch für ISO 22000 und erfordert ein tiefes methodisches Verständnis.
Wer von IFS Food oder BRCGS auf FSSC 22000 wechselt oder beide Systeme parallel betreibt, muss die HACCP-Dokumentation auf die ISO-22000-Terminologie anpassen. Das ist ein häufiger Stolperstein bei Multi-Standard-Zertifizierungen.
Das FSSC-22000-Audit prüft neben der Dokumentation den operativen Nachweis dass das System tatsächlich gelebt wird. Die für Produktionsunternehmen praktisch relevantesten Anforderungen sind folgende.
Rückverfolgbarkeit ist auch bei FSSC 22000 ein kritisches Anforderungsgebiet. Der Auditor führt einen Traceability-Test durch – Rohstoff vorwärts zu Fertigprodukten und Fertigprodukt rückwärts zu allen Rohstoffchargen. Die Zeiterwartung liegt typischerweise bei vier Stunden.
Allergenmanagement muss vollständig dokumentiert sein: Allergen-Risikobewertung für jeden Artikel, Reinigungsvalidierung bei Allergenwechseln, chargenspezifische Freigabeprotokolle und Kennzeichnungsprüfung. Version 6 verschärft die Anforderungen an die Validierung von Reinigungsverfahren für Allergene.
Umweltüberwachung (Environmental Monitoring) ist in Version 6 deutlich stärker gewichtet: Für Betriebe die Hochrisikoumgebungen betreiben oder RTE-Produkte herstellen, werden dokumentierte Umgebungsmonitoring-Programme mit Keimzahltrends und Korrekturmaßnahmenverfolgung erwartet.
Food Safety Culture ist in Version 6 mit messbaren Indikatoren verankert: Es reicht nicht mehr aus zu sagen dass Lebensmittelsicherheit Priorität hat – es müssen konkrete KPIs definiert und Trendentwicklungen nachgewiesen werden. Das können Reklamationsraten, Audit-Abweichungsquoten, Schulungsstunden oder Meldungen von Mitarbeitern über Sicherheitsbedenken sein.
ISO/TS 22002-1 (Food Manufacturing) definiert die technischen Voraussetzungsprogramme für Lebensmittelhersteller. Diese decken folgende Bereiche ab: Bau und Layout von Gebäuden, Versorgungseinrichtungen wie Wasser und Luft, Abfallentsorgung, Geräteeignung und Reinigbarkeit, Management von eingekauften Materialien, Kreuzkontaminationsprävention, Reinigung und Desinfektion, Schädlingsbekämpfung, Personalhygiene, Rework-Management, Produktrücknahme, Lagerung und Fremdkörperkontrolle sowie Allergenmanagement.
Für jeden dieser Bereiche müssen dokumentierte Verfahren, Verantwortlichkeiten und Nachweise vorhanden sein. Die Vollständigkeit und Aktualität dieser Dokumentation ist ein häufiger Schwachpunkt in der Auditvorbereitung.
Alle drei Standards sind GFSI-anerkannt und inhaltlich auf demselben Sicherheitsniveau. Die Unterschiede liegen in Struktur, Zielgruppe und geografischer Akzeptanz.
FSSC 22000 basiert auf ISO 22000 und ist damit international besonders stark – es wird in über 180 Ländern eingesetzt und von globalen Konzernen bevorzugt. IFS Food ist stärker auf Retailer-Lieferanten in Kontinentaleuropa ausgerichtet und legt mehr Gewicht auf Produktqualität neben Sicherheit. BRCGS dominiert im britischen und angloamerikanischen Markt.
Für Unternehmen die ausschließlich an kontinentaleuropäische Retailer liefern ist IFS Food oft ausreichend. Für Unternehmen die an globale Konzerne oder in den britischen Markt liefern ist BRCGS oder FSSC 22000 die bessere Wahl. Für Zutatenhersteller und B2B-Lieferanten ist FSSC 22000 typischerweise die erste Wahl.
Kann ISO 22000 allein als Marktzugangsvoraussetzung dienen? ISO 22000 allein ist nicht GFSI-anerkannt – erst die Kombination mit den PRPs und den FSSC-Zusatzanforderungen im FSSC-22000-Rahmen ergibt eine GFSI-anerkannte Zertifizierung. Manche Kunden akzeptieren ISO 22000 allein als Mindestanforderung, aber Retailer und große Konzerne verlangen typischerweise eine vollständige GFSI-anerkannte Zertifizierung.
Wie lange ist ein FSSC-22000-Zertifikat gültig? Ein FSSC-22000-Zertifikat ist drei Jahre gültig. Während dieser drei Jahre finden jährliche Überwachungsaudits statt – ein vollständiges Rezertifizierungsaudit nach drei Jahren schließt den Zyklus. Das unterscheidet FSSC 22000 von IFS Food und BRCGS die jährlich rezertifizieren – FSSC hat damit einen niedrigeren jährlichen Auditaufwand.
Was ist der Vorteil des drei-Jahres-Zertifikats gegenüber jährlichen Rezertifizierungen? Der administrative Aufwand für vollständige Rezertifizierungsaudits entfällt in den Zwischenjahren – stattdessen sind Überwachungsaudits mit geringerem Umfang ausreichend. Das senkt die jährlichen Auditkosten und den internen Vorbereitungsaufwand. Für Unternehmen mit mehreren Standorten und parallelen Zertifizierungen ist das ein praktisch relevanter Vorteil.
Gilt FSSC 22000 auch für Nicht-Lebensmittel-Bereiche? FSSC 22000 hat neben dem Lebensmittelstandard weitere Schemata entwickelt: FSSC 22000 für Lebensmittelverpackungen, FSSC 22000 für Tiernahrung und FSSC 22000 für Kosmetika. Diese folgen demselben Grundprinzip – ISO-basiertes Managementsystem plus kategorienspezifische PRPs plus FSSC-Zusatzanforderungen – sind aber auf die jeweilige Produktkategorie zugeschnitten.