Versionsmanagement – auch Revision Control oder Versionskontrolle genannt – beschreibt den systematischen Umgang mit Änderungen an produktionsrelevanten Daten, Dokumenten und Prozessdefinitionen. In der Fertigung betrifft das insbesondere Rezepturen, Arbeitspläne, Routings, Prüfpläne, Maschinenparameter, Softwarestände und technische Dokumente. Ziel ist es, jederzeit eindeutig zu wissen welche Version gültig ist, wann sie geändert wurde, wer sie geändert hat – und welche Version für ein bestimmtes Produkt oder eine bestimmte Charge tatsächlich verwendet wurde.
Ohne diese Eindeutigkeit wird Produktion zur Blackbox: Wenn sich Parameter, Rezepte oder Arbeitsanweisungen unbemerkt ändern, entstehen Qualitätsabweichungen die nicht erklärbar sind, Ausschuss ohne nachvollziehbare Ursache und fehlende Rückverfolgbarkeit im Reklamationsfall. Versionsmanagement ist damit kein IT-Thema – es ist eine operative Voraussetzung für reproduzierbare Fertigung.
In der industriellen Praxis wird zwischen Version und Revision unterschieden. Eine Version beschreibt einen freigegebenen, operativ gültigen Stand – das ist der Stand der in der Produktion verwendet wird. Eine Revision ist eine konkrete Änderung innerhalb dieser Version – dokumentiert mit Zeitstempel, Änderungsgrund und verantwortlicher Person.
Diese Unterscheidung ermöglicht fein granulare Nachvollziehbarkeit ohne die operative Klarheit zu verlieren: Produktionsmitarbeiter arbeiten mit einer eindeutig gültigen Version, während die gesamte Änderungshistorie dahinter sichtbar und rekonstruierbar bleibt. Wer nur „die aktuelle Datei" kennt, kann historische Produktionen nicht mit den damals gültigen Einstellungen rekonstruieren – was im Haftungsfall und bei Audits zum Problem wird.
In modernen Produktionsumgebungen wird Revision Control nicht mehr in Papierordnern oder freigegebenen Netzlaufwerken umgesetzt, sondern in digitalen Systemen. Rezepte, Arbeitspläne und Parameter werden versioniert gespeichert: Jede Änderung erzeugt eine neue Revision, während alte Stände weiterhin vollständig verfügbar bleiben.
Der entscheidende Vorteil gegenüber papierbasiertem oder Excel-basiertem Versionsmanagement liegt in der Verknüpfung: Produkte, Chargen oder Seriennummern können exakt mit der Prozessversion verbunden werden die zum Zeitpunkt ihrer Herstellung gültig war. Wer eine Reklamation für ein Produkt aus einem bestimmten Produktionsdatum erhält, kann sofort nachvollziehen welche Rezepturversion, welcher Prüfplan und welche Maschinenparameter dabei galten – ohne Archivsuche und ohne Unsicherheit über die Richtigkeit der Dokumente.
Das ist auch der Punkt wo Versionsmanagement direkt mit Chargenrückverfolgbarkeit zusammenwächst: Beide Disziplinen sind nur vollständig wenn sie verknüpft sind. Eine lückenlose Chargenhistorie ohne versionierte Prozessdaten ist unvollständig – und umgekehrt.
Viele Qualitätsstandards und regulatorische Rahmenwerke verlangen explizit dass produktionsrelevante Informationen kontrolliert geändert und nachvollziehbar gespeichert werden. IATF 16949 und ISO 9001 fordern dokumentierte Change-Control-Prozesse für produktionsrelevante Dokumente. IFS Food und BRCGS verlangen versionierte Rezepturen und Prüfpläne. Die EU-GMP-Richtlinien für Pharma und Medizintechnik haben Versionsmanagement als Kernpflicht.
Versionsmanagement ist die technische Grundlage die sicherstellt dass Freigaben, Änderungen und Produktdaten nicht nachträglich manipuliert werden können und bei Audits eindeutig belegbar sind. Wer im Audit gefragt wird welche Rezepturversion für Charge X verwendet wurde und diese Frage nicht eindeutig beantworten kann, hat ein strukturelles Auditproblem – unabhängig davon ob die Produktion tatsächlich korrekt war.
In der Praxis entstehen Probleme typischerweise an denselben Punkten. Mehrere Versionen einer Arbeitsanweisung kursieren parallel auf verschiedenen Rechnern oder in Ausdrucken am Arbeitsplatz – ohne dass klar ist welche gilt. Änderungen werden eingestellt ohne formale Freigabe und ohne Dokumentation des Änderungsgrundes. Historische Chargen können nicht rekonstruiert werden weil der Dokumentenstand zum Produktionszeitpunkt nicht gesichert ist. Prüfpläne werden geändert ohne dass bewertet wird ob die Änderung eine PPAP-Neueinreichung oder Kundeninformation erfordert.
Diese Probleme sind in nicht digitalisierten Umgebungen strukturell schwer zu lösen – weil Papier und Excel keine Versionierung erzwingen. Ein Mitarbeitender der eine Datei öffnet und speichert, überschreibt den alten Stand ohne Protokollierung.
Sobald ein Unternehmen an mehreren Standorten produziert, wird Versionsmanagement von einem Qualitätsthema zu einem Steuerungsthema. Wenn Werk A und Werk B dasselbe Produkt produzieren sollen, müssen beide mit identischen Prozessversionen arbeiten. Abweichende lokale Versionen führen zu unterschiedlicher Produktqualität zwischen Werken – was für Kunden die an mehreren Standorten beziehen ein Problem darstellt und bei Audits sofort auffällt.
Cloud-basierte MES-Systeme die Rezepturen, Arbeitspläne und Prüfpläne zentral verwalten und standortübergreifend ausrollen, lösen dieses Problem strukturell: Eine freigegebene Version steht automatisch allen Werken zur Verfügung – ohne manuelle Verteilung, ohne Versionskonflikte.
Was ist der Unterschied zwischen Versionsmanagement und Dokumentenmanagement? Dokumentenmanagement verwaltet Dokumente als Dateien – Ablage, Zugriff, Archivierung. Versionsmanagement ist ein spezifischer Aspekt davon: die kontrollierte Verwaltung von Änderungen an Dokumenten und Datensätzen mit vollständiger Änderungshistorie. Ein Dokumentenmanagementsystem kann Versionsmanagement einschließen – muss es aber nicht. Für Produktionsumgebungen ist entscheidend dass nicht nur Dokumente abgelegt sondern Versionen mit Zeitstempel, Verantwortlichkeit, Freigabestatus und Verknüpfung zur Produktionshistorie verwaltet werden.
Muss jede Parameteränderung an einer Maschine als Revision dokumentiert werden? Das hängt von der Art der Änderung ab. Prozessparameter die die Produktqualität beeinflussen – Temperatur, Druck, Geschwindigkeit, Zykluszeiten – müssen kontrolliert geändert und dokumentiert werden. Ob jede Anpassung eine formale Revision erfordert oder ob es definierte Toleranzbereiche gibt innerhalb derer Bediener eigenständig justieren dürfen, wird im Change-Control-Prozess festgelegt. Für sicherheitskritische und kundenseitig spezifizierte Parameter gilt typischerweise eine strikte Dokumentationspflicht.
Was passiert wenn eine falsche Version in der Produktion verwendet wird? Das ist ein Qualitätsereignis das dokumentiert, analysiert und korrigiert werden muss. Je nach Auswirkung auf die Produktqualität kann eine Charge gesperrt, nachgeprüft oder zurückgerufen werden müssen. Der wirtschaftliche Schaden hängt davon ab wie lange die falsche Version verwendet wurde und wie viele Einheiten betroffen sind – was direkt illustriert warum Versionsmanagement präventiv billiger ist als reaktive Fehlerbehandlung.
Ist Versionsmanagement für Unternehmen ohne regulatorische Zertifizierung relevant? Ja – auch ohne Zertifizierungspflicht ist Versionsmanagement relevant für jeden Hersteller der reproduzierbare Qualität liefern und im Reklamationsfall nachweisen will was wann wie produziert wurde. Die wirtschaftliche Begründung braucht keine Norm: weniger Fehler durch falsche Datenstände, schnellere Fehleranalyse und bessere Skalierbarkeit beim Wachstum auf weitere Linien oder Werke.