Der BRCGS Standard (Brand Reputation Compliance Global Standards, früher BRC – British Retail Consortium) ist ein weltweit anerkannter Lebensmittelsicherheits- und Qualitätsstandard der ursprünglich vom britischen Einzelhandelsverband entwickelt wurde. Heute ist BRCGS ein eigenständiges Zertifizierungsunternehmen das mehrere Standards herausgibt – der bekannteste für die Lebensmittelproduktion ist BRCGS Food Safety. Wie IFS Food ist BRCGS von der Global Food Safety Initiative (GFSI) anerkannt und wird von Einzelhändlern und Lebensmittelkonzernen weltweit als Lieferantenqualifikation akzeptiert.
Für Lebensmittelhersteller die in den britischen Markt liefern, für global agierende Konzerne arbeiten oder deren Kunden explizit BRCGS verlangen, ist die Zertifizierung faktische Marktzugangsvoraussetzung. Nach dem Brexit ist BRCGS im britischen Lebensmitteleinzelhandel gegenüber IFS Food weiter dominant – was BRCGS für exportorientierte Hersteller besonders relevant macht.
Der BRCGS Food Safety Standard liegt aktuell in Version 9 vor – veröffentlicht 2022 mit vollständiger Anwendung ab 2023. Version 9 stärkt insbesondere die Anforderungen an Lebensmittelkultur (Food Safety Culture), Food Fraud, Environmental Monitoring und die Integration von Lieferantenmanagement.
Der Standard gliedert sich in acht Abschnitte.
Abschnitt 1 – Senior Management Commitment und kontinuierliche Verbesserung prüft ob Lebensmittelsicherheit Chefsache ist – mit nachweisbarem Engagement der Geschäftsführung und einer gelebten Food-Safety-Kultur im gesamten Unternehmen. Version 9 stärkt die Anforderungen an messbare KPIs zur Kulturbewertung.
Abschnitt 2 – Lebensmittelsicherheitsplan (HACCP) verlangt ein vollständiges, dokumentiertes und validiertes HACCP-Konzept das den Codex-Alimentarius-Prinzipien folgt. Hazard Analysis, kritische Kontrollpunkte, Grenzwerte, Überwachung, Korrekturmaßnahmen und Verifikation müssen nachvollziehbar dokumentiert sein.
Abschnitt 3 – Lebensmittelsicherheits- und Qualitätsmanagementsystem umfasst Dokumentenlenkung, interne Audits, Lieferantenmanagement, Korrekturmaßnahmen, Rückverfolgbarkeit und Produktrücknahme.
Abschnitt 4 – Standortstandards bewertet bauliche Anforderungen, Hygienezonen, Wartung, Reinigung, Schädlingsbekämpfung, Abfallmanagement und Fremdkörperkontrolle.
Abschnitt 5 – Produktkontrolle deckt Produktentwicklung, Allergenmanagement, Produktauthentizität und Food Fraud ab.
Abschnitt 6 – Prozesskontrolle prüft operative Kontrollen entlang des Fertigungsprozesses: Rohwarenkontrolle, Produktionskontrolle, Kennzeichnung, Gewichtskontrolle und Freigabeprozesse.
Abschnitt 7 – Personal bewertet Hygieneschulung, Qualifikationsmanagement, Arbeitskleidung und Mitarbeitergesundheit.
Abschnitt 8 – Hochrisiko-, Hochfürsorge- und Umgebungsüberwachungszonen gilt für Betriebe die besonders risikobehaftete Produkte wie RTE-Produkte (Ready to Eat) herstellen.
BRCGS unterscheidet sich von IFS Food in der Art wie Ergebnisse kommuniziert werden. Statt einer Prozentzahl vergibt BRCGS Ratingklassen die Kunden direkt die Qualitätsstufe des Lieferanten signalisieren.
Grade AA ist das beste Ergebnis: unangekündigtes Audit mit hervorragendem Ergebnis – keine kritischen oder schwerwiegenden Abweichungen.
Grade A entspricht einem angekündigten Audit mit hervorragendem Ergebnis.
Grade B entspricht einem angekündigten Audit mit gutem Ergebnis – einzelne schwerwiegende oder mehrere kleinere Abweichungen.
Grade C entspricht einem angekündigten Audit mit ausreichendem Ergebnis – Zertifikat wird ausgestellt, aber mit klaren Verbesserungsanforderungen.
Grade D entspricht einem Audit das die Mindestschwelle nicht erreicht – kein Zertifikat.
Kritische Abweichungen führen unabhängig von der Gesamtpunktzahl zur Nichtzertifizierung. Kritische Abweichungen betreffen Bereiche die unmittelbares Risiko für die Lebensmittelsicherheit darstellen – etwa ein nicht funktionierendes HACCP oder fehlgeschlagene Rückverfolgbarkeitstests.
Ein besonderes Merkmal von BRCGS ist die Option unangekündigter Audits. Wer freiwillig ein unangekündigtes Audit wählt und besteht, erhält das Rating AA – das höchste BRCGS-Rating. Viele Retailer und Konzernkunden fordern AA explizit von ihren Lieferanten weil es belegt dass der Betrieb nicht nur für angekündigte Audits vorbereitet ist, sondern dauerhaft audit-ready ist.
Unangekündigte Audits sind operativ anspruchsvoller: Sie testen ob Reinigungsnachweise aktuell sind, ob Chargenprotokolle sofort abrufbar sind, ob Prüfergebnisse zeitnah dokumentiert werden und ob das HACCP täglich gelebt wird. Wer diese Anforderungen mit Papier und Excel erfüllen will, braucht eine außerordentliche Organisationsdisziplin. Wer digitale Produktionsdokumentation einsetzt, hat strukturelle Vorteile: Zeitstempel sind automatisch, Chargenverknüpfungen sind sofort abrufbar, Reinigungsnachweise sind im System dokumentiert.
Rückverfolgbarkeit ist bei BRCGS ebenfalls ein kritisches Anforderungsgebiet. Der Standard fordert vollständige Rückverfolgbarkeit vom Rohstoff bis zum Fertigprodukt und vom Fertigprodukt zurück zu allen eingesetzten Rohstoffchargen. Der Auditor führt einen Live-Test durch – typischerweise mit der Erwartung dass Ergebnisse innerhalb von vier Stunden vorliegen.
Zusätzlich verlangt BRCGS Version 9 explizit ein Massenbilanz-Testing: Für eine ausgewählte Charge müssen die eingesetzten Rohstoffmengen mit den produzierten Fertigproduktmengen und dem Ausschuss bilanziell übereinstimmen – als Nachweis gegen Food Fraud und zur Verifikation der Traceability-Genauigkeit.
Diese Massenbilanzanforderung ist operativ anspruchsvoll: Sie erfordert nicht nur eine Verknüpfung von Roh- und Fertigwarenchargen, sondern eine vollständige Materialflussdokumentation inklusive Ausschuss und Umverpackungen.
BRCGS Version 9 verstärkt die Anforderungen in zwei Bereichen die über klassische Lebensmittelsicherheit hinausgehen.
Food Fraud (Lebensmittelbetrug) bezeichnet die vorsätzliche Verfälschung von Lebensmitteln aus wirtschaftlichem Motiv – etwa die Streckung von Olivenöl, die Falschdeklaration von Fleischherkunft oder die Verwendung minderwertiger Zutaten. BRCGS verlangt eine dokumentierte Vulnerability Assessment (VACCP – Vulnerability Assessment for Critical Control Points): Welche Rohstoffe und Prozesse sind anfällig für Betrug, und welche Maßnahmen minimieren dieses Risiko?
Food Defense adressiert vorsätzliche Kontamination durch kriminelle oder terroristische Handlungen – Threat Assessment (TACCP). Maßnahmen umfassen physische Sicherheit, Zugangskontrollen und interne Verhaltensüberwachung.
Beide Anforderungen sind dokumentationspflichtig und werden im Audit auf Vollständigkeit und Plausibilität geprüft.
Beide Standards sind GFSI-anerkannt und inhaltlich ähnlich aufgebaut – aber in der Praxis nicht identisch austauschbar.
IFS Food dominiert in Deutschland, Frankreich, Italien und dem kontinentaleuropäischen Einzelhandel. BRCGS dominiert im britischen Markt und bei globalen Konsumgüterkonzernen mit angloamerikanischer Muttergesellschaft. Wer in beide Märkte liefert, benötigt typischerweise beide Zertifikate. Manche Zertifizierungsstellen bieten kombinierte Audits an – ein Auditor prüft beide Standards in einem Durchgang was Kosten und Aufwand reduziert.
Die inhaltlichen Unterschiede sind marginal: BRCGS legt stärkeren Fokus auf Food Safety Culture und Massenbilanz, IFS Food legt stärkeren Fokus auf Produktqualität und kundenspezifische Anforderungen. In der operativen Vorbereitung sind die Anforderungen so ähnlich dass ein gut vorbereiteter Betrieb beide Standards mit demselben Produktionsdokumentation-System erfüllen kann.
Wie lange ist ein BRCGS-Zertifikat gültig? Ein BRCGS Food Safety Zertifikat ist zwölf Monate gültig. Das Folgeaudit muss innerhalb dieses Zeitraums stattfinden. Wer Grade AA durch ein unangekündigtes Audit erreicht hat, kann unter bestimmten Bedingungen auf ein jährliches unangekündigtes Audit umstellen was den administrativen Planungsaufwand für angekündigte Audits entfallen lässt.
Was kostet eine BRCGS-Zertifizierung? Die Auditkosten variieren je nach Betriebsgröße, Produktkomplexität und Auditdauer. Für einen mittleren Lebensmittelbetrieb sind 2.000 bis 6.000 Euro für das externe Audit realistisch. Hinzu kommen interne Vorbereitungskosten und gegebenenfalls Kosten für Maßnahmen zur Lückenschließung. Die Zertifizierungsstelle muss von BRCGS akkreditiert sein und in der BRCGS-Datenbank gelistet sein.
Welche BRCGS-Standards gibt es neben Food Safety? BRCGS umfasst mehrere Standards: BRCGS Packaging Materials für Verpackungshersteller, BRCGS Storage and Distribution für Lager und Logistik, BRCGS Consumer Products für Non-Food-Konsumgüter sowie BRCGS Agents and Brokers für Handelsvermittler. Für Unternehmen die sowohl Lebensmittel als auch Verpackungen herstellen oder lagern sind kombinierte Zertifizierungen möglich.
Wie unterscheidet sich die HACCP-Anforderung bei BRCGS von der gesetzlichen Pflicht? Die gesetzliche HACCP-Pflicht nach EU-Lebensmittelhygieneverordnung 852/2004 ist die Mindestanforderung. BRCGS baut darauf auf und verlangt zusätzlich eine formale HACCP-Studie nach Codex-Alimentarius-Methodik, dokumentierte Validierung der Kontrollmaßnahmen und regelmäßige Überprüfung bei Prozessänderungen. BRCGS geht in Tiefe und Dokumentationsanforderung deutlich über das gesetzliche Minimum hinaus.