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Echtzeitüberwachung in der Fertigung: So funktioniert sie

Von Martin Brandel · Zuletzt aktualisiert: April 2026

Was ist Echtzeitüberwachung?

Echtzeitüberwachung (Real-time Monitoring) in der Fertigung bedeutet: Maschinendaten werden automatisch erfasst, in Sekundenschnelle verarbeitet und sofort auf Dashboards, Shopfloor-Bildschirmen oder Mobilgeräten dargestellt. Stillstände, Taktzeiten, Stückzahlen, Ausschuss und Prozessparameter sind nicht mehr Daten von gestern, sondern der aktuelle Zustand der Produktion.

Gemeint ist hier die Überwachung von Maschinen und Produktion, nicht die Objekt- oder Gebäudeüberwachung, für die derselbe Begriff ebenfalls verwendet wird.

Der entscheidende Unterschied zur herkömmlichen Datenerfassung: Echtzeitüberwachung eliminiert die Zeitlücke zwischen einem Ereignis auf dem Shopfloor und dem Moment, in dem jemand davon erfährt. Wenn eine Maschine steht, sieht der Schichtführer das in Sekunden auf dem Werksmonitor, nicht erst am nächsten Morgen im Schichtbericht.

In der Praxis ist Echtzeitüberwachung das Zusammenspiel von drei Elementen: automatische Maschinendatenerfassung (MDE), Datenverarbeitung in einem MES oder einer Cloud-Plattform und Visualisierung auf KPI-Dashboards und Shopfloor-Clients. Dieser Artikel erklärt, welche Daten erfasst werden, wie sie von der Maschine ins Dashboard gelangen und was sich durch Echtzeit-Transparenz in der Fertigung konkret verändert.


Welche Daten in Echtzeit erfasst werden

Nicht jede Kennzahl braucht Echtzeit. Aber die Daten, die den aktuellen Zustand der Produktion abbilden, müssen in Sekunden verfügbar sein. In der Praxis sind das vier Kategorien:

Datenkategorie Was erfasst wird Beispiel Aktualisierung
Maschinenstatus Produziert die Maschine oder steht sie? Wird gerüstet? Läuft ein Wartungsfenster? CNC-Bearbeitungszentrum meldet Stillstand seit 3 Minuten. Ursache: Werkzeugwechsel Sekunden
Stückzahlen und Taktzeiten Anzahl produzierter Teile, Ist-Taktzeit vs. Soll-Taktzeit, Abweichungen pro Zyklus Spritzgussmaschine: Soll-Taktzeit 12 s, Ist-Taktzeit 14,3 s. Abweichung sichtbar seit 08:42 Pro Maschinenzyklus
Stillstände und Alarme Stillstandsdauer, Stillstandsursache (technisch/organisatorisch), SPS-Alarme Presse 3: Stillstand 47 Minuten, Ursache "Materialzufuhr blockiert" Sekunden
Prozessparameter Temperaturen, Drücke, Drehmomente, Kräfte, Energieverbrauch Werkzeugtemperatur Spritzguss: Soll 85 °C, Ist 91 °C. Grenzwert überschritten Sekunden bis Millisekunden

Aus diesen Rohdaten werden die Produktionskennzahlen berechnet, die auf den Dashboards erscheinen: OEE (Verfügbarkeit x Leistung x Qualität), Top-Stillstandsursachen, Stückzahl Ist vs. Soll, Ausschussrate. Die Berechnung erfolgt automatisch und ohne Zeitverzögerung.


Wie die Daten von der Maschine ins Dashboard gelangen

Die größte Herausforderung der Echtzeitüberwachung ist nicht die Darstellung, sondern die Datenerfassung. Jeder Maschinenpark ist anders. Moderne Steuerungen haben OPC-UA-Schnittstellen, ältere Anlagen haben keinerlei digitale Schnittstelle. Die Anbindungsstrategie muss beides abdecken.

Maschinentyp Anbindungsmethode Was erfasst wird Aufwand
Moderne Steuerung (Siemens S7-1500, Beckhoff TwinCAT, etc.) OPC-UA-Connector direkt an der Steuerung. Kein SPS-Eingriff nötig Maschinenstatus, Stückzahlen, Taktzeiten, Prozessparameter, SPS-Alarme 2-4 Stunden pro Maschine
Ältere Steuerung (Simatic S5, S7-300, etc.) Digitale I/O-Signale über ein IoT-Gateway abgreifen. Taktsignal, Stillstandssignal, Alarmsignale Maschinenstatus, Stückzahlen (über Taktsignal), Stillstände 2-4 Stunden pro Maschine
Maschine ohne digitale Schnittstelle (Bestandsanlage, kein Netzwerk) Nachrüstung eines IoT-Gateways mit digitalem Eingang. Signal wird direkt an der Maschine abgegriffen (z.B. Lichtsignal, Relais, Betriebsanzeige) Maschinenstatus (produziert/steht), Stückzahlen 2-4 Stunden pro Maschine

In allen drei Fällen gilt: kein Eingriff in die SPS, keine Produktionsunterbrechung, keine aufwendige Netzwerkverkabelung. Die Gateways senden die Daten per LTE, WLAN oder Ethernet an die Cloud-Plattform. Dort werden sie verarbeitet, aggregiert und auf den Dashboards visualisiert.


Was Echtzeit wirklich bedeutet: Abgrenzung der Zeitebenen

Nicht jede Datenerfassung ist Echtzeit. Der Begriff wird oft unscharf verwendet. In der Fertigung ist es sinnvoll, drei Zeitebenen zu unterscheiden:

Zeitebene Latenz Typische Datenquelle Beispiel
Echtzeit (Real-time) Sekunden bis wenige Minuten Automatische Maschinendatenerfassung über IoT-Gateway oder OPC UA Maschine steht seit 2 Minuten. Dashboard zeigt Stillstand sofort an. Schichtführer wird benachrichtigt
Near-time Minuten bis Stunden ERP-Rückmeldungen, manuelle BDE-Eingaben Bediener meldet Auftrag nach Schichtende zurück. Daten verfügbar am nächsten Morgen
Batch/Historisch Stunden bis Tage Excel-Auswertungen, Schichtberichte, manuelle Strichlisten Schichtbericht wird am nächsten Tag zusammengestellt. OEE-Wert steht Montag für die Vorwoche

Die meisten Unternehmen, die glauben, Echtzeit-Transparenz zu haben, arbeiten in Wirklichkeit auf der Near-time- oder Batch-Ebene. Wenn der Schichtbericht am nächsten Morgen zeigt, dass Maschine 5 gestern Nachmittag 90 Minuten stand, ist das keine Echtzeitüberwachung. Es ist eine Obduktion. Die Verbesserungschance war gestern um 14:00, nicht heute um 08:00.


Was sich durch Echtzeitüberwachung konkret verändert

Die Wirkung von Echtzeit-Transparenz zeigt sich in vier Bereichen:

Bereich Ohne Echtzeitüberwachung Mit Echtzeitüberwachung
Stillstände Stillstände werden erst im Schichtbericht sichtbar. Ursachen sind zu diesem Zeitpunkt oft nicht mehr rekonstruierbar Stillstand wird in Sekunden auf dem Werksmonitor angezeigt. Automatische Benachrichtigung an Instandhaltung. Ursache wird sofort dokumentiert
Leistungsverluste Taktzeitabweichungen und Mikrostopps werden nicht erfasst. Die Maschine "läuft ja". Dass sie 15 % langsamer läuft als geplant, fällt nicht auf Jeder Zyklus wird gemessen. Abweichungen von der Soll-Taktzeit werden automatisch erkannt und als Leistungsverlust ausgewiesen
Qualitätsprobleme Ausschuss wird am Ende der Schicht gezählt. Wenn die Ausschussrate um 14:00 gestiegen ist, erfährt das niemand vor dem nächsten Morgen Ausschusskurve wird live dargestellt. Bei Überschreitung eines Grenzwerts erfolgt eine automatische Benachrichtigung
Reaktionszeit Stunden bis zum nächsten Tag. Probleme werden im Nachhinein besprochen Sekunden bis Minuten. Probleme werden gelöst, während sie auftreten

Praxis: Wie Echtzeitüberwachung in der Fertigung eingesetzt wird

An vollautomatischen Montageautomaten lassen sich technische Stillstände über die SPS-basierte Alarmerfassung automatisch begründen, ohne Eingriff der Mitarbeitenden. SPS-Alarme werden mit Stillständen und Qualitätsdefekten verknüpft.

An Montagelinien mit älteren Steuerungen werden Lauf- und Stillstandssignale digital abgegriffen und die tatsächliche Ausbringung erfasst. Bei modernen Linien kommen über OPC UA vom Linienleitrechner zusätzlich die Alarme dazu.

In beiden Fällen ist die Echtzeitüberwachung der erste Schritt. Erst die Sichtbarkeit der Daten schafft die Grundlage, um gezielt Verbesserungen umzusetzen. Ohne Echtzeit-Transparenz bleiben Verluste unsichtbar.


Häufige Fragen zur Echtzeitüberwachung in der Fertigung

Was braucht man für Echtzeitüberwachung: ein MES oder ein SCADA-System?
Ein SCADA-System überwacht und steuert Maschinen und Prozesse auf der Automatisierungsebene. Ein MES (Manufacturing Execution System) verarbeitet die Daten auf der Fertigungsebene: Es berechnet Kennzahlen, ordnet Stillstände Aufträgen zu und liefert die Dashboards für Management und Shopfloor. Für Echtzeitüberwachung mit OEE, Stillstandsanalysen und KPI-Dashboards ist ein MES die richtige Wahl. SCADA ist die Datenquelle, MES ist die Auswertung.

Können auch alte Maschinen in Echtzeit überwacht werden?
Ja. Maschinen ohne digitale Schnittstelle werden über ein IoT-Gateway mit digitalem Eingang angebunden. Das Gateway greift ein einfaches Signal ab (z.B. Taktsignal, Betriebsanzeige, Relaiskontakt) und sendet es per LTE oder WLAN in die Cloud. Kein SPS-Eingriff, keine Produktionsunterbrechung. Die Erfahrung aus über 15.000 Maschinenanbindungen zeigt: Es gibt praktisch keine Maschine, die sich nicht anbinden lässt.

Wie schnell ist Echtzeitüberwachung aufgebaut?
Bei einem Cloud-MES mit automatischer Maschinendatenerfassung kann die erste Maschine innerhalb von Stunden live sein. Die Installation des IoT-Gateways dauert 2-4 Stunden pro Maschine. Daten fließen sofort in die Cloud, Dashboards werden konfiguriert. Für 10 Maschinen liegt die typische Implementierungszeit unter einem Monat.

Was ist der Unterschied zwischen MDE und Echtzeitüberwachung?
Maschinendatenerfassung (MDE) ist die Erfassung der Rohdaten: Taktsignal, Stillstandssignal, Alarme. Echtzeitüberwachung ist das Gesamtsystem: Erfassung, Verarbeitung, Berechnung von Kennzahlen und Visualisierung auf Dashboards in Echtzeit. MDE ist ein Teil der Echtzeitüberwachung, aber nicht das Gleiche. Ohne MDE gibt es keine Echtzeitüberwachung, aber MDE allein ohne Auswertung und Visualisierung liefert noch keine Transparenz.

Was kostet Echtzeitüberwachung?
Das hängt vom Ansatz ab. Ein On-Premise-MES erfordert Server, Lizenzen und ein Implementierungsprojekt ab mehreren zehntausend Euro. Ein Cloud-MES wie SYMESTIC arbeitet im SaaS-Modell: monatliche Gebühr pro Anlage, IoT-Gateway inklusive, kein Investitionsaufwand. Dashboards, Alarme und Maschinendatenerfassung sind im Standard enthalten.

Martin Brandel
Über den Autor:
Martin Brandel
MES Consultant und Projektleiter bei der symestic GmbH. Über 30 Jahre Erfahrung in industrieller Automatisierung und Maschinenanbindung. Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik.

Wie sich Echtzeitüberwachung im eigenen Betrieb konkret einrichten lässt, zeigt eine kostenlose Demo am eigenen Anwendungsfall. Wie Störungen aus der Steuerung sofort sichtbar werden, beschreibt die Seite Alarme.

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