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Digitalisierung in der Produktion: So geht es

Von Martin Brandel · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was bedeutet Digitalisierung in der Produktion?

Digitalisierung in der Produktion bedeutet: Maschinen erzeugen Daten, diese Daten werden automatisch erfasst und in Echtzeit ausgewertet. Das klingt einfach, ist es aber nicht. Die meisten Fertigungsunternehmen haben einen gemischten Maschinenpark: moderne Steuerungen neben Anlagen von 1995. Die Herausforderung ist nicht die Theorie, sondern die Praxis: Wie bekommt man Daten aus einer Presse, die keine digitale Schnittstelle hat? Wie verbindet man eine Spritzgussmaschine über OPC UA mit einer Cloud-Plattform? Wie stellt man sicher, dass die Daten korrekt, vollständig und in Echtzeit ankommen?

Dieser Artikel beschreibt, was bei der Digitalisierung einer Fertigung tatsächlich passiert. Nicht auf der Ebene von Buzzwords wie "Smart Factory" oder "Industrie 4.0", sondern auf der Ebene von Signalabgriff, Gateway-Konfiguration und Kennzahlenberechnung. Aus der Perspektive desjenigen, der diese Projekte seit über zwei Jahrzehnten umsetzt.


Was bei der Digitalisierung einer Fertigung konkret passiert

Die Digitalisierung einer Produktion verläuft in vier Schritten. Jeder Schritt baut auf dem vorherigen auf. Es ist nicht sinnvoll, einen Schritt zu überspringen.

Schritt Was passiert Typische Dauer Ergebnis
1. Maschinenanbindung Signalabgriff an der Maschine: Taktsignal, Stillstandssignal, Gut/Schlecht-Signal. Bei modernen Steuerungen über OPC UA, bei Bestandsanlagen über digitale I/O-Gateways 2-4 Stunden pro Maschine Die Maschine sendet Daten. Stückzahlen, Stillstände und Taktzeiten werden automatisch erfasst
2. Kennzahlenberechnung Aus den Rohdaten werden Kennzahlen berechnet: OEE (Verfügbarkeit, Leistung, Qualität), Stillstandszeiten nach Ursache, Rüstzeiten, Taktzeiten Konfiguration in wenigen Stunden Dashboards zeigen den Zustand der Produktion in Echtzeit. Verluste werden sichtbar
3. Analyse und Verbesserung Die Daten werden genutzt: Pareto-Analyse der Stillstandsursachen, Trend der OEE über Wochen, Vergleich zwischen Schichten, Maschinen und Produkten Laufend, ab dem ersten Tag Verbesserungsteams haben eine Faktenbasis. Maßnahmen werden priorisiert statt geraten
4. Integration und Skalierung Anbindung an ERP (SAP, Infor, proAlpha) für Auftragskontext. Ausdehnung auf weitere Maschinen, Linien und Werke. Alarmierung, Schichtbuch, Fertigungssteuerung Wochen bis Monate, je nach Umfang Durchgängiger Datenfluss vom Shopfloor ins ERP. Werksübergreifende Transparenz

Wichtig: Die Digitalisierung beginnt nicht mit einer IT-Strategie, einem Pflichtenheft oder einem 12-monatigen Ausschreibungsprozess. Sie beginnt mit einer Maschine, einem Gateway und einem Dashboard. Wenn das funktioniert und die Daten stimmen, wird skaliert. Wenn nicht, wird angepasst. Dieses Vorgehen hat sich in der Praxis bewährt, weil es das Risiko minimiert und den Nutzen sofort sichtbar macht.


Wie Bestandsmaschinen angebunden werden

Die häufigste Frage bei der Digitalisierung lautet: "Unsere Maschinen sind 20 Jahre alt. Können die überhaupt Daten liefern?" Die Antwort ist fast immer: Ja. Die Maschine muss keine digitale Schnittstelle haben. Es reicht, wenn sie ein elektrisches Signal erzeugt, das einen Zustandswechsel anzeigt: Maschine läuft / Maschine steht, Teil produziert / kein Teil produziert.

Maschinentyp Anbindungsmethode Aufwand pro Maschine Was erfasst wird
Moderne Steuerung (Siemens S7-1500, Beckhoff, B&R) OPC UA direkt aus der Steuerung 2-3 Stunden Stückzahlen, Taktzeiten, Prozessparameter, Alarme, Stillstandsgründe
Ältere SPS (Siemens S7-300/400) OPC UA über Gateway oder lokalen OPC-Server 3-4 Stunden Stückzahlen, Taktzeiten, Alarme, Stillstandsgründe (abhängig vom SPS-Programm)
Bestandsanlage ohne SPS-Zugriff Digitaler I/O-Gateway: Abgriff von Betriebssignal (24V) und Taktsignal am Schaltschrank 2-4 Stunden Maschinenstatus (läuft/steht), Stückzahlen, Taktzeiten. Stillstandsgründe per manueller Eingabe am Tablet
Spritzgussmaschine (Euromap 63/77/83) OPC UA über Euromap-Schnittstelle 2-3 Stunden Zykluszeiten, Schusszähler, Prozessparameter (Druck, Temperatur), Werkzeugdaten

In keinem dieser Fälle ist ein Eingriff in die SPS-Programmierung erforderlich. Das ist entscheidend, denn ein SPS-Eingriff bedeutet Produktionsunterbrechung, Risikoanalyse und oft die Freigabe durch den Maschinenhersteller. Die Anbindung über Gateways oder OPC UA erfolgt rückwirkungsfrei: Die Maschine produziert weiter, während die Datenerfassung aufgesetzt wird.


Was Digitalisierung kostet und was sie bringt

Die häufigste Hürde ist nicht die Technik, sondern die Investitionsentscheidung. Deshalb hier eine realistische Einordnung:

Kostenfaktor Cloud-MES (SaaS) On-Premise-MES
Investitionskosten Gering: IoT-Gateway pro Maschine, kein Server, keine Lizenz Hoch: Server, Datenbank, Lizenzen, Netzwerk-Infrastruktur
Laufende Kosten Monatliche SaaS-Gebühr pro Maschine/Werk 20 % der Lizenzkosten/Jahr + IT-Personal + Infrastruktur
Implementierungszeit Produktionskennzahlen: unter 1 Monat (10 Maschinen). Volles MES: unter 6 Monate Wochen bis Monate, abhängig von IT-Infrastruktur und Customizing
Wartung und Updates Automatisch, im SaaS enthalten Manuell, durch eigene IT oder externen Dienstleister
Skalierung auf weitere Werke Sofort möglich, gleiche Plattform für alle Standorte Eigene Installation pro Standort, eigene Infrastruktur

Der ROI bei automatischer Maschinendatenerfassung liegt typischerweise unter 6 Monaten. Der Grund: Die erste echte OEE-Messung zeigt fast immer ein anderes Bild als erwartet. Verfügbarkeit liegt niedriger, Mikrostillstände sind häufiger, Rüstzeiten länger als gedacht. Diese Erkenntnis allein ist bereits wertvoll, weil sie die Grundlage für gezielte Verbesserungen schafft.


Praxisbeispiele: Wie Digitalisierung in der Fertigung aussieht

Bei Schmiedetechnik Plettenberg (Umform- und Schmiedeprozesse) war die Ausgangslage typisch: Produktionsdaten wurden überwiegend manuell erfasst, Maschinenzustände waren nur begrenzt sichtbar, Abweichungen wurden oft erst im Nachgang erkannt. Die Einführung begann mit einem praxisorientierten Workshop: Erste Maschine angebunden, Datenpunkte definiert, Dashboards live konfiguriert. Bereits nach kurzer Zeit konnte das Team Echtzeitdaten zu Taktzeiten, Mengen, Stillständen und Ablaufabweichungen einsehen. Die bidirektionale Anbindung an InforCOM stellt sicher, dass Fertigungsaufträge automatisch in SYMESTIC bereitstehen und Rückmeldungen (Mengen, Zeiten, Stillstände) direkt zurück ins ERP fließen. Thorsten Manns, Technischer Leiter: "SYMESTIC verschafft uns eine durchgängige Echtzeittransparenz, die wir in dieser Form vorher nicht hatten."

Bei Klocke (Pharma-Verpackung, Blister und Sachets, GMP-Umfeld) begann die Digitalisierung an einer Linie im Verpackungsbereich. Skalierung auf alle Linien am Standort Weingarten innerhalb von 3 Wochen. Alle Anlagen über DI-Gateways vernetzt, keine LAN-Infrastruktur erforderlich. Unidirektionale Anbindung an Navision ERP. Ergebnis: 12 % bessere Ausbringung, 8 % bessere Verfügbarkeit, 7 Stunden mehr Produktionszeit pro Woche.

Bei Meleghy Automotive (6 Werke, Umform-, Füge- und Beschichtungsprozesse) wurde die Digitalisierung als konzernweites Programm ausgerollt. Einstieg im Werk Wilnsdorf, Skalierung auf 6 Werke (Deutschland, Tschechien, Ungarn) innerhalb von 6 Monaten. Bidirektionale SAP-R3-Anbindung über ABAP IDoc. Ergebnis: 10 % weniger Stillstände, 7 % mehr Ausbringung, 5 % bessere Verfügbarkeit.


Warum die meisten Digitalisierungsprojekte an der Implementierung scheitern

Die Technik ist selten das Problem. Die meisten Digitalisierungsprojekte in der Fertigung scheitern an drei Stellen:

Fehler Was passiert Wie man es vermeidet
Zu großer Scope am Anfang Das Unternehmen will alles auf einmal: MES, ERP-Integration, Feinplanung, Qualität, Rückverfolgbarkeit. Das Projekt wird zu komplex, dauert zu lange und liefert keine schnellen Ergebnisse Mit Produktionskennzahlen starten (OEE, Stillstände, Stückzahlen). Wenn das funktioniert, erweitern
Fehlende Akzeptanz auf dem Shopfloor Die Software wird eingeführt, aber die Werker nutzen sie nicht. Stillstandsgründe werden nicht qualifiziert, Daten sind unvollständig, Dashboards werden ignoriert Schichtführer und Maschinenbediener von Anfang an einbinden. Nutzen zeigen, nicht kontrollieren. Einfache Bedienung sicherstellen
IT-getriebene Entscheidung ohne Produktionsbezug Die IT-Abteilung wählt ein System nach Architekturkriterien, ohne den Shopfloor einzubeziehen. Das System passt technisch, aber nicht zur Arbeitsrealität Produktionsleiter und Schichtführer in die Auswahl einbeziehen. Pilotprojekt mit echten Maschinen, nicht mit Präsentationen entscheiden

Der gemeinsame Nenner: Digitalisierung funktioniert, wenn sie klein beginnt, schnell Ergebnisse zeigt und dann skaliert. Nicht umgekehrt.


Häufige Fragen zur Digitalisierung in der Produktion

Können alte Maschinen ohne digitale Schnittstelle digitalisiert werden?
Ja. Jede Maschine, die ein elektrisches Signal erzeugt (24V Betriebssignal, Taktsignal), kann über einen digitalen I/O-Gateway angebunden werden. Kein SPS-Eingriff, keine Produktionsunterbrechung. Die Anbindung dauert typischerweise 2-4 Stunden pro Maschine.

Was ist der erste Schritt bei der Digitalisierung einer Fertigung?
Den Maschinenstatus automatisch erfassen: Maschine läuft / Maschine steht / Teil produziert. Daraus lassen sich sofort OEE, Stillstandszeiten und Stückzahlen berechnen. Das ist die Baseline, auf der alles Weitere aufbaut.

Wie lange dauert es, bis die ersten Ergebnisse sichtbar sind?
Bei einer Cloud-MES-Plattform: Produktionskennzahlen für 10 Maschinen in unter einem Monat. Die erste OEE-Messung zeigt fast immer ein anderes Bild als erwartet. Diese Erkenntnis ist der Startpunkt für gezielte Verbesserungen.

Was kostet die Digitalisierung einer Fertigung?
Im SaaS-Modell gibt es keine Investitionskosten für Server oder Lizenzen. Die laufenden Kosten bestehen aus der monatlichen Plattformgebühr und den IoT-Gateways für die Maschinenanbindung. Der ROI liegt typischerweise unter 6 Monaten.

Was ist der Unterschied zwischen Digitalisierung und MES?
MES (Manufacturing Execution System) ist das zentrale Softwaresystem, das bei der Digitalisierung einer Fertigung eingesetzt wird. Es erfasst die Maschinendaten, berechnet die Kennzahlen, visualisiert die Dashboards und integriert sich ins ERP. Digitalisierung ist das Ziel, MES ist das Werkzeug.

Martin Brandel
Über den Autor:
Martin Brandel
MES Consultant und Projektleiter bei der symestic GmbH. Über 30 Jahre Erfahrung in industrieller Automatisierung und Maschinenanbindung. Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik.

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