Skip to content

Fertigungsabläufe: Arten, Aufbau und Optimierung in der Praxis

Von Martin Brandel · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was sind Fertigungsabläufe?

Ein Fertigungsablauf ist die definierte Abfolge aller Schritte, die notwendig sind, um aus Rohmaterial ein fertiges Produkt zu machen. Vom Moment, in dem das Material an der Maschine bereitgestellt wird, über jeden einzelnen Bearbeitungsschritt, jede Qualitätsprüfung, jedes Rüsten und jeden Transport bis zum fertigen Teil in der Verpackung.

Das klingt geradlinig. In der Praxis ist es das selten. In den meisten Fertigungen gibt es Dutzende von Schritten, die ineinandergreifen. Maschinen, die aufeinander warten. Materialien, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein müssen. Werkzeuge, die gewechselt werden. Prüfungen, die zwischen den Schritten stattfinden. Puffer, die sich bilden, obwohl sie nicht geplant waren.

Der Fertigungsablauf beschreibt nicht nur, was passiert, sondern auch in welcher Reihenfolge, an welcher Maschine, mit welchem Werkzeug und in welcher Zeit. Er ist das Rückgrat jeder Produktion. Und er ist der Ort, an dem Effizienz gewonnen oder verloren wird.

Dieser Artikel erklärt, welche Fertigungsarten es gibt, wie ein typischer Ablauf aufgebaut ist, wo Verluste im Ablauf entstehen, wie sie sichtbar gemacht werden und wie die Praxis der Ablaufoptimierung aussieht.


Fertigungsarten im Vergleich

Nicht jede Fertigung funktioniert gleich. Die Art, wie der Fertigungsablauf organisiert ist, hängt von der Losgröße, der Produktvielfalt und dem Automatisierungsgrad ab. Die folgende Tabelle zeigt die wesentlichen Fertigungsarten und ihre Auswirkungen auf den Ablauf:

Fertigungsart Losgröße Typischer Ablauf Beispiel Wo die Verluste liegen
Massenfertigung Sehr hoch (tausende bis Millionen Stück). Gleiches Produkt, gleicher Ablauf, dauerhaft Feste Linie, feste Stationen, fester Takt. Jedes Teil durchläuft dieselbe Sequenz. Kaum Rüstvorgänge Getränkeabfüllung: 40.000 Flaschen pro Stunde, gleiche Linie, gleiche Reihenfolge Mikrostopps und Taktzeitverluste. Bei hohen Geschwindigkeiten summieren sich schon 0,5 Sekunden Abweichung pro Takt zu erheblichen Verlusten
Serienfertigung Mittel bis hoch (hunderte bis tausende Stück). Gleiche Produkte in Losen, dazwischen Rüstvorgänge Festgelegte Ablauffolge, aber regelmäßige Umrüstungen zwischen den Losen. Ablauf wiederholt sich innerhalb eines Loses Automobilzulieferer: 500 Türverkleidungen Variante A, dann Rüsten, dann 300 Variante B Rüstzeiten und Anfahrverluste. Jeder Produktwechsel kostet Zeit und produziert Anfahrausschuss
Chargenfertigung Definierte Chargengrößen. Wiederkehrende Aufträge, aber variable Reihenfolge Chargenweise Abarbeitung mit definierten Start- und Endzeitpunkten. Rückverfolgbarkeit ist entscheidend Pharma-Verpackung: Charge 1.200 Blister, danach Reinigung, dann nächste Charge Liegezeiten zwischen den Chargen. Reinigung und Freigabeprozesse kosten oft mehr Zeit als die eigentliche Produktion
Einzelfertigung / Kleinserie Niedrig (1 bis wenige Stück). Jedes Produkt ist individuell oder in sehr kleinen Mengen Variabler Ablauf. Jeder Auftrag kann eine andere Maschinenreihenfolge erfordern. Hoher Planungsaufwand Werkzeugbau: Einzelanfertigung einer Spritzgussform mit CNC-Fräsen, Erodieren, Schleifen, Montage Wartezeiten und Maschinenauslastung. Maschinen stehen, weil der nächste Auftrag noch nicht vorbereitet ist

SYMESTIC ist optimiert auf die Serien-, Massen- und Chargenfertigung. Also auf diskrete Fertigungsprozesse, bei denen zählbare Produkte in möglichst hohen Losgrößen in kurzer Zeit produziert werden.


Aufbau eines typischen Fertigungsablaufs

Unabhängig von der Fertigungsart folgt jeder Ablauf einer grundlegenden Struktur. Die folgende Tabelle zeigt die typischen Phasen eines Fertigungsablaufs und was in jeder Phase passiert:

Phase Was passiert Typische Probleme Was gemessen wird
1. Auftragsfreigabe Fertigungsauftrag wird aus dem ERP übernommen und für die Produktion freigegeben. Arbeitsgänge, Maschinen und Sollzeiten werden zugewiesen Auftragsinformationen sind unvollständig. Stammdaten im ERP stimmen nicht mit der Realität auf dem Shopfloor überein Zeit von der ERP-Freigabe bis zum Produktionsstart
2. Rüsten Maschine wird für den neuen Auftrag vorbereitet. Werkzeugwechsel, Parameteranpassung, Materialbereitstellung Rüstzeiten schwanken je nach Bediener um Faktor 2. Kein Standard definiert. Wartezeit auf Werkzeuge oder Material Rüstzeit (geplant vs. tatsächlich), Rüstzeitstreuung zwischen Schichten
3. Anfahren Erste Teile werden produziert und geprüft. Prozess wird stabilisiert, bis Gutteile entstehen Anfahrausschuss wird nicht separat erfasst. Prozessparameter werden aus dem Gedächtnis eingestellt statt aus dokumentierten Werten Anzahl Anfahrteile bis erstes Gutteil, Anfahrdauer
4. Produktion Stabile Fertigung im Takt. Maschine produziert Gutteile mit der vorgesehenen Taktzeit Mikrostopps, Taktzeitabweichungen, ungeplante Stillstände, Materialengpässe, Qualitätsprobleme OEE (Verfügbarkeit, Leistung, Qualität), Stückzahl Ist vs. Soll, Taktzeit, Stillstandsursachen
5. Qualitätsprüfung Teile werden inline oder am Linienende geprüft. Visuelle Inspektion, Maßprüfung, Funktionsprüfung Prüfung findet erst am Ende statt, obwohl der Fehler drei Stationen vorher entstanden ist. Ausschuss wird nicht der verursachenden Station zugeordnet Qualitätsrate, Ausschussrate, First Pass Yield
6. Verpackung und Rückmeldung Fertige Teile werden verpackt, etikettiert und an das ERP zurückgemeldet. Auftrag wird abgeschlossen Rückmeldung erfolgt verzögert oder in Summe am Schichtende. ERP hat kein aktuelles Bild des Auftragsfortschritts Gutmenge, Rückmeldezeitpunkt, Durchlaufzeit Gesamtauftrag

Wo im Fertigungsablauf die Verluste entstehen

Jede Phase des Fertigungsablaufs hat spezifische Verlustquellen. Die größten Verluste entstehen nicht dort, wo die Maschine offensichtlich stillsteht, sondern in den Übergängen zwischen den Phasen und in den Momenten, in denen die Maschine zwar läuft, aber nicht optimal:

Zwischen Auftragsfreigabe und Rüsten: Der Auftrag ist im System freigegeben, aber das Material steht noch nicht bereit. Oder das Werkzeug ist noch an einer anderen Maschine. Oder die Information über die Parametereinstellungen fehlt. Diese Wartezeiten sind in den meisten Fertigungen nicht transparent, weil sie keiner Maschine zugeordnet werden.

Während des Rüstens: Rüstzeiten gehören zu den am meisten unterschätzten Verlustquellen. Nicht weil einzelne Rüstvorgänge so lange dauern, sondern weil die Streuung enorm ist. Derselbe Werkzeugwechsel kann bei einem Bediener 15 Minuten dauern und bei einem anderen 35 Minuten. Ohne automatische Messung fällt das nicht auf, weil es keinen Vergleichswert gibt.

Während der Produktion: Hier liegen die klassischen OEE-Verluste: Mikrostopps, Taktzeitabweichungen, ungeplante Stillstände, Ausschuss. Die Maschine läuft, aber nicht mit der Geschwindigkeit, die sie könnte. Oder sie stoppt alle 10 Minuten für 20 Sekunden. Oder sie produziert Teile, die am Linienende als Ausschuss identifiziert werden.

An den Übergängen zwischen Stationen: Wenn Maschine A schneller produziert als Maschine B verarbeiten kann, baut sich ein Puffer auf. Wenn Maschine B schneller ist, steht sie und wartet. Diese Engpässe verschieben sich je nach Produkt und Auftrag und sind ohne Echtzeit-Monitoring nicht erkennbar.


Wie Fertigungsabläufe in der Praxis transparent gemacht werden

Bei Meleghy Automotive (internationaler Automobilzulieferer, Umform-, Füge- und Beschichtungsprozesse, Werke in Deutschland, Spanien, Tschechien und Ungarn) wurde die OEE-Erfassung an den wichtigsten Prozessschritten in allen Werken aufgebaut. Bidirektionale Anbindung an SAP R3 über ABAP IDoc: Mapping von Maschinenzyklen zu Fertigungsaufträgen, Rückspielen der Daten ins ERP für vollständige Transparenz. Bidirektionale Anbindung an CASQ-it (Böhme und Weihs) um Stichproben zu triggern. Der modulare Baukasten ermöglicht eigenständige Skalierung durch Meleghy. Skalierung innerhalb von 6 Monaten auf die Werke Wilnsdorf, Gera, Brandýs (CZ), Bernsbach, Reinsdorf und Miskolc (HU). Ergebnis: 10 % Reduktion von Stillstandszeiten, 7 % Verbesserung der Ausbringung, 5 % Verbesserung der Verfügbarkeit.

Bei Schmiedetechnik Plettenberg (metallverarbeitender Betrieb, Schmiedeprozesse, stark variierende Auftragsgrößen) fehlte die durchgängige Transparenz über den Fertigungsablauf. Produktionsdaten wurden überwiegend manuell erfasst, Maschinenzustände waren nur begrenzt sichtbar, Abweichungen wurden oft erst im Nachgang erkannt. Die Einführung begann direkt in der Fertigung: erste Maschine angebunden, Datenpunkte definiert, Dashboards live konfiguriert. Nahtlose Anbindung an das bestehende ERP InforCOM. Sobald ein Fertigungsauftrag im ERP freigegeben wird, stehen alle relevanten Arbeitsgänge, Maschineninformationen und Zeitdaten automatisch in SYMESTIC bereit. Rückmeldungen fließen direkt zurück. Ergebnis: Echtzeittransparenz über Maschinen, Schichten und Aufträge, weniger Stillstände durch schnellere Ursachenanalyse, weniger fehleranfällige manuelle Datenerfassungen.

In beiden Fällen war der entscheidende Punkt nicht die Neugestaltung des Fertigungsablaufs, sondern seine Sichtbarmachung. Erst wenn jeder Schritt gemessen wird, vom Rüsten über die Produktion bis zur Rückmeldung, werden die tatsächlichen Verluste im Ablauf erkennbar.


Fertigungsablauf mit und ohne digitale Erfassung

Kriterium Ohne digitale Erfassung Mit automatischer Erfassung (MDE/MES)
Auftragsfortschritt Rückmeldung am Schichtende in Summe. Das ERP zeigt erst am nächsten Morgen den Stand von gestern Echtzeit. Jeder Arbeitsgang wird automatisch gestartet und zurückgemeldet. ERP hat jederzeit den aktuellen Stand
Rüstzeiten Geschätzt oder gar nicht erfasst. Rüstzeitstreuung ist unbekannt. Kein Vergleich zwischen Schichten oder Bedienern möglich Sekundengenau gemessen. Rüstzeit pro Umrüstung, pro Bediener, pro Produkt. Streuung sofort sichtbar
Stillstände Nur Stillstände über 10-15 Minuten werden manuell dokumentiert. Mikrostopps bleiben unsichtbar Jeder Stillstand ab Sekunde 1 wird automatisch erfasst und kategorisiert. Pareto-Analyse über alle Ursachen
Engpässe Werden vermutet, aber nicht belegt. "Maschine X ist immer der Engpass" ist eine Annahme, keine Messung Engpässe werden durch Taktzeitvergleich und Stillstandskorrelation zwischen den Stationen identifiziert
Durchlaufzeit Nur die Gesamtdurchlaufzeit ist bekannt (Auftragsstart bis Auftragsende). Wo im Ablauf die Zeit verloren geht, bleibt unklar Durchlaufzeit pro Arbeitsgang, pro Station, pro Auftrag. Liegezeiten zwischen den Stationen werden sichtbar
Verbesserung Basiert auf Vermutungen und Erfahrung. Maßnahmen werden eingeleitet, ohne zu wissen, ob sie wirken Basiert auf Daten. Vorher-Nachher-Vergleich für jede Maßnahme. Wirkung ist messbar

Häufige Fragen zu Fertigungsabläufen

Was ist der Unterschied zwischen Fertigungsablauf und Produktionsprozess?
Ein Produktionsprozess ist ein einzelner Bearbeitungsschritt: Spritzgießen, Fräsen, Schweißen, Montieren. Ein Fertigungsablauf ist die vollständige Sequenz aller Produktionsprozesse, die ein Teil durchläuft, vom Rohmaterial bis zum fertigen Produkt. Der Fertigungsablauf umfasst zusätzlich die Rüstvorgänge, Transporte, Puffer, Prüfungen und Rückmeldungen zwischen den einzelnen Prozessen.

Wo ist der größte Hebel zur Verbesserung von Fertigungsabläufen?
In den meisten Fertigungen liegt der größte Hebel nicht in den einzelnen Bearbeitungsschritten, sondern in den Übergängen: Rüstzeiten, Wartezeiten, Liegezeiten, Anfahrverluste. Diese Zeiten machen oft 30-50 % der gesamten Durchlaufzeit aus, werden aber selten gemessen, weil sie keinem Produktionsprozess zugeordnet sind. Der erste Schritt ist, sie sichtbar zu machen.

Braucht man ein MES, um Fertigungsabläufe zu optimieren?
Optimieren kann man auch ohne MES. Messen kann man ohne MES nicht zuverlässig. Der Kern der Frage ist: Wie gut sind die Daten, auf deren Basis Verbesserungen durchgeführt werden? Wenn Rüstzeiten geschätzt, Stillstände aus dem Gedächtnis dokumentiert und Stückzahlen am Schichtende hochgerechnet werden, dann basiert jede Optimierung auf unvollständigen Informationen. Ein MES liefert die automatische, lückenlose Datenbasis, die eine gezielte Optimierung erst ermöglicht.

Wie hängen Fertigungsablauf und OEE zusammen?
OEE misst die Effektivität einer einzelnen Maschine oder Anlage innerhalb des Fertigungsablaufs. Sie zeigt, wie gut diese eine Station ihre Aufgabe erfüllt. Der Fertigungsablauf ist das Gesamtbild: Alle Stationen, alle Übergänge, alle Puffer. Eine Maschine kann eine OEE von 85 % haben und trotzdem der Engpass des gesamten Ablaufs sein, wenn die Stationen davor und danach schneller sind. Deshalb reicht es nicht, OEE pro Maschine zu betrachten, sondern der gesamte Ablauf muss transparent sein.

Was passiert, wenn der Fertigungsablauf nicht zum Produkt passt?
Das kommt häufiger vor als gedacht. Ablaufsequenzen, die für ein Produkt optimal sind, können für ein anderes Produkt auf derselben Linie suboptimal sein. Unterschiedliche Taktzeiten an den einzelnen Stationen führen zu Puffern oder Wartezeiten. In der Praxis zeigt sich das oft erst, wenn ein Produktwechsel stattfindet und die Durchlaufzeit plötzlich deutlich ansteigt, obwohl die OEE der einzelnen Maschinen gleich bleibt. Die Lösung ist, den Ablauf nicht nur für das Hauptprodukt, sondern für das gesamte Produktportfolio zu analysieren.

Martin Brandel
Über den Autor:
Martin Brandel
MES Consultant und Projektleiter bei der symestic GmbH. Über 30 Jahre Erfahrung in industrieller Automatisierung und Maschinenanbindung. Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik.

Exklusives Whitepaper

Lernen Sie die modernsten Ansätze der Industrie 4.0, die Sie in Ihrer Produktion schon morgen umsetzen können, um innerhalb von 4 Wochen Ihre Kosten um gut 20% zu reduzieren.

mehr erfahren

Digitalisierung der Produktion
Symestic Manufacturing Digitalization
Der schnelle Weg in die Digitalisierung
Profitabler werden – einfach und schnell
Effizienz durch Echtzeit-Daten
Kennzahlen für Ihren Erfolg
Ohne Investitionskosten optimieren
OEE SaaS – heute gebucht, morgen startklar
Deutsch
English