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Produktionsdaten: Definition, Bedeutung & Nutzen

Von Martin Brandel · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was sind Produktionsdaten?

Produktionsdaten sind alle Informationen, die während der Fertigung an Maschinen, Anlagen und Arbeitsplätzen entstehen. Sie beschreiben, was gerade passiert: Wie viele Teile wurden produziert? Wie schnell läuft die Maschine? Steht sie still, und wenn ja, warum? Wie hoch ist die Temperatur in der Spritzgussform? Welcher Auftrag wird gerade bearbeitet, und wer arbeitet an der Linie?

In der diskreten Fertigung lassen sich Produktionsdaten in drei Kategorien einteilen, die sich grundlegend in Herkunft, Erfassungsmethode und Verwendungszweck unterscheiden: Maschinendaten (MDE), Betriebsdaten (BDE) und Prozessdaten. Diese Unterscheidung ist entscheidend, weil sie bestimmt, wie die Daten erfasst werden, wie zuverlässig sie sind und welche Entscheidungen sich daraus ableiten lassen.


MDE, BDE und Prozessdaten: Drei Kategorien

Kategorie Was wird erfasst? Typische Datenpunkte Quelle
Maschinendaten (MDE) Automatisch erzeugte Signale der Maschine über ihren Betriebszustand Stückzähler (Gut/Schlecht), Taktzeit, Maschinenstatus (Produktion/Stillstand/Rüsten), Stillstandsdauer, Zykluszeit SPS-Signal, digitaler I/O, OPC UA
Betriebsdaten (BDE) Organisatorische Daten, die den Kontext der Produktion beschreiben Auftragsnummer, Artikelnummer, Losgröße, Schicht, Bediener, Stillstandsgrund (manuell qualifiziert), Start-/Endezeit Auftrag ERP-System, manuelle Eingabe, Barcode-Scan
Prozessdaten Physikalische Messgrößen des Fertigungsprozesses Temperatur, Druck, Drehmoment, Feuchtigkeit, Einspritzdruck, Nachdruck, Kühlwassertemperatur Analoge Sensoren, SPS-Variablen, OPC UA

In der Praxis werden diese drei Kategorien oft vermischt. Ein "Produktionsdaten-Dashboard" zeigt typischerweise eine Kombination aus allen dreien: Die Maschine meldet den Takt (MDE), das ERP liefert den Auftrag (BDE) und ein Temperatursensor überwacht den Prozess (Prozessdaten). Erst zusammen ergibt sich ein vollständiges Bild der Fertigung.


Was eine einzelne Maschine pro Schicht liefert

Um greifbar zu machen, was "Produktionsdaten" konkret bedeutet, hier ein Beispiel einer Spritzgussmaschine in einer 8-Stunden-Schicht:

Datenpunkt Wert (Beispiel) Kategorie Erfassung
Gutteile produziert 1.847 MDE Automatisch (Stückzähler)
Ausschussteile 23 MDE Automatisch (Ausschleusung)
Durchschnittliche Taktzeit 14,2 Sekunden MDE Automatisch (Zykluserkennung)
Anzahl Stillstände 7 MDE Automatisch (Signalwechsel)
Gesamte Stillstandszeit 68 Minuten MDE Automatisch
Stillstandsgründe 3x Materialwechsel, 2x Werkzeugstörung, 1x Reinigung, 1x kein Bediener BDE Manuell (Werker qualifiziert am Terminal)
Fertigungsauftrag FA-2026-4711 BDE ERP-Übernahme oder Barcode-Scan
Bediener Müller, T. BDE Login am Terminal
Massetemperatur Zone 3 218 °C (Soll: 215-225 °C) Prozessdaten Automatisch (Analogsensor via SPS)
Nachdruck 82 bar Prozessdaten Automatisch (SPS-Variable via OPC UA)

Aus diesen Datenpunkten berechnet ein MES die OEE: Verfügbarkeit (geplante Produktionszeit minus Stillstandszeit), Leistung (tatsächliche vs. Soll-Taktzeit) und Qualität (Gutteile vs. Gesamtteile). In diesem Beispiel: Verfügbarkeit 85,8 %, Leistung 94,3 %, Qualität 98,8 %. OEE: 80,0 %.


Automatisch vs. manuell: Wie Produktionsdaten erfasst werden

Die Frage, wie Produktionsdaten erfasst werden, bestimmt ihre Qualität. Und die Qualität der Daten bestimmt die Qualität jeder Entscheidung, die darauf basiert.

Merkmal Manuelle Erfassung (Papier/Excel) Automatische Erfassung (MDE/MES)
Zeitpunkt der Verfügbarkeit Am Schichtende oder nächsten Morgen In Echtzeit, pro Takt
Genauigkeit Stückzahlen Geschätzt oder gerundet (Werker zählt nicht jeden Takt) Exakt (jeder Takt wird als Signal erfasst)
Stillstandserfassung Nur lange Stillstände werden notiert, Mikrostopps unter 5 Min. fehlen Jeder Stillstand wird sekundengenau erfasst
Taktzeit Nicht erfassbar (kein Mensch misst jeden Takt) Jede Zykluszeit wird automatisch berechnet
Stillstandsgrund Aus der Erinnerung, oft pauschal ("Technik") SPS-Alarm liefert technischen Grund automatisch, Werker ergänzt organisatorischen Grund
Aufwand für Werker 5-15 Min. pro Schicht für Schichtbuch, Fehlerquelle Minimal (nur Stillstandsqualifizierung, wenn nötig)
Datenqualität für OEE OEE wird oft 5-15 Prozentpunkte zu hoch ausgewiesen OEE basiert auf exakten Maschinensignalen

Der kritische Punkt: Manuelle Erfassung ist nicht einfach "ungenauer". Sie ist systematisch verzerrt. Kurze Stillstände werden vergessen. Rundungen summieren sich. Schichtbücher werden nachträglich ausgefüllt. Das Ergebnis: Die OEE erscheint höher als sie ist. Und damit verschwindet der Handlungsdruck, der nötig wäre, um Verbesserungen anzustoßen.


Wie Maschinen angebunden werden: Drei Wege

Nicht jede Maschine hat eine moderne Steuerung mit OPC-UA-Schnittstelle. In einem typischen Maschinenpark eines mittelständischen Fertigungsunternehmens stehen Anlagen aus drei Jahrzehnten nebeneinander. Die Anbindung muss deshalb für jede Maschine individuell gelöst werden, ohne SPS-Eingriff und ohne Produktionsunterbrechung.

Anbindungsmethode Geeignet für Verfügbare Daten Installationszeit
Digitale I/O-Gateways (DI-Box) Bestandsanlagen ohne digitale Schnittstelle, Maschinen ab Baujahr 1990+ Maschinenstatus (Produktion/Stillstand), Stückzähler, einfache Alarmsignale 2-4 Stunden pro Maschine
OPC UA Moderne Steuerungen (Siemens S7-1500, Beckhoff, Wago u. a.) Alle SPS-Variablen: Stückzähler, Taktzeiten, Prozessparameter, Alarme, Energiedaten 4-8 Stunden pro Maschine (je nach SPS-Konfiguration)
Herstellerspezifische Protokolle (EUROMAP, MQTT) Spritzgussmaschinen (EUROMAP 63/77), Anlagen mit MQTT-Publisher Maschinenstatus, Zyklusdaten, Prozessparameter, Schusskurven 4-8 Stunden pro Maschine

In der Praxis werden in einem Werk oft alle drei Methoden parallel eingesetzt: Die neue CNC-Fräse liefert Daten über OPC UA, die Spritzgussmaschine über EUROMAP, und die Stanze von 1998 wird über ein DI-Gateway angebunden. Entscheidend ist, dass alle Daten in einer einzigen Plattform zusammenlaufen und dort vergleichbar werden.


Was mit Produktionsdaten tatsächlich passiert

Produktionsdaten zu erfassen ist der erste Schritt. Aber Daten allein verändern nichts. Die Frage ist: Was wird daraus?

Anwendung Welche Daten werden genutzt? Was wird daraus?
OEE-Berechnung Stückzähler, Taktzeit, Stillstände, Ausschuss Verfügbarkeit, Leistung, Qualität pro Maschine, Linie, Werk und Schicht
Stillstandsanalyse Stillstandsdauer, Stillstandsgrund (SPS-Alarm + manuelle Qualifizierung) Top-10-Stillstandsursachen, Pareto-Analyse, Ansatzpunkte für Verbesserung
ERP-Rückmeldung Produzierte Stückzahlen, Auftragszeiten, Ausschuss Automatische Buchung im ERP (SAP, Infor, proAlpha), keine manuelle Eingabe
Qualitätsüberwachung Prozessparameter (Temperatur, Druck, Drehmoment) + Stückzähler SPC-Regelkarten, Trendanalysen, Korrelation zwischen Parametern und Ausschuss
Alarmierung Maschinenstatus, Schwellenwerte für Prozessparameter Sofortige Benachrichtigung bei Stillstand, Ausschusshäufung oder Parameterverletzung
Rückverfolgbarkeit Teilenummer, Prozessparameter pro Teil, Chargen, Materialnummern Lückenlose Teilehistorie für Qualitätsaudits und Reklamationsanalyse

Bei Meleghy Automotive (6 Werke, Umform-, Füge- und Beschichtungsprozesse) werden Maschinenzyklen automatisch Fertigungsaufträgen zugeordnet und bidirektional an SAP R3 zurückgespielt. Das Ergebnis nach 6 Monaten: 10 % weniger Stillstände, 7 % mehr Ausbringung, 5 % bessere Verfügbarkeit. Diese Ergebnisse entstehen nicht durch die Daten selbst, sondern dadurch, dass die Daten sichtbar werden und die richtigen Personen in Echtzeit darauf reagieren können.

Bei Neoperl (vollautomatische Montageautomaten) hat die Korrelation von SPS-Alarmen mit Stillständen und Qualitätsdefekten das Verbesserungspotenzial sichtbar gemacht. Die Werker wussten vorher, wo die Probleme lagen. Aber erst die automatische Datenerfassung hat die Verluste quantifiziert: 15 % weniger Ausschuss, 15 % Produktivitätsgewinn.

Bei Schmiedetechnik Plettenberg (Umform- und Schmiedeprozesse, bidirektionale InforCOM-Anbindung) hat die Echtzeittransparenz über Maschinen, Schichten und Aufträge die Basis für schnellere Ursachenanalyse und effizientere Schichtwechsel geschaffen.


Häufige Fragen zu Produktionsdaten

Was ist der Unterschied zwischen MDE und BDE?
Maschinendatenerfassung (MDE) liefert automatische Signale der Maschine: Stückzähler, Taktzeit, Maschinenstatus. Betriebsdatenerfassung (BDE) liefert den organisatorischen Kontext: Auftragsnummer, Bediener, Schicht, manuell qualifizierte Stillstandsgründe. MDE sagt, was die Maschine tut. BDE sagt, warum und für wen.

Können alte Maschinen Produktionsdaten liefern?
Ja. Auch Maschinen ohne digitale Schnittstelle liefern elektrische Signale (Betriebsbereit, Zyklus-Ende, Störung), die über digitale I/O-Gateways abgegriffen werden. Die Installation dauert 2-4 Stunden pro Maschine, ohne SPS-Eingriff und ohne Produktionsunterbrechung.

Warum reicht manuelle Datenerfassung nicht aus?
Weil manuelle Erfassung systematisch verzerrt ist. Kurze Stillstände unter 5 Minuten werden vergessen, Stückzahlen gerundet, Schichtbücher nachträglich ausgefüllt. Die OEE wird dadurch oft 5-15 Prozentpunkte zu hoch ausgewiesen. Entscheidungen auf dieser Basis adressieren die falschen Probleme.

Was sind Prozessdaten und wofür braucht man sie?
Prozessdaten sind physikalische Messgrößen des Fertigungsprozesses: Temperatur, Druck, Drehmoment, Feuchtigkeit. Sie werden gebraucht, um Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zwischen Prozessparametern und Qualitätsproblemen zu erkennen. Beispiel: Steigt die Massetemperatur über 225 °C, verdoppelt sich die Ausschussrate.

Wie werden Produktionsdaten an das ERP zurückgemeldet?
Bei einer bidirektionalen ERP-Anbindung übernimmt das MES die Fertigungsaufträge aus dem ERP, ordnet Maschinenzyklen automatisch den Aufträgen zu und meldet produzierte Stückzahlen, Zeiten, Ausschuss und Statusinformationen zurück. Es entsteht ein durchgängiger Datenfluss ohne manuelle Zwischenschritte.

Martin Brandel
Über den Autor:
Martin Brandel
MES Consultant und Projektleiter bei der symestic GmbH. Über 30 Jahre Erfahrung in industrieller Automatisierung und Maschinenanbindung. Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik.

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