MES: Definition, Funktionen & Nutzen 2026
MES (Manufacturing Execution System): Funktionen nach VDI 5600, Architekturen, Kosten und Praxisergebnisse. Mit Implementierungsdaten aus 15.000+ Maschinen.
Die Produktionsrate (englisch: Production Rate) beschreibt die Anzahl produzierter Einheiten pro Zeiteinheit. In der Fertigung ist das die zentrale Frage jeder Schicht: Wie viele Teile kommen am Ende der Linie raus, und wie viele sollten es sein?
Die Formel ist einfach:
Produktionsrate = Produzierte Einheiten / Zeitraum
Beispiel: Eine Spritzgussmaschine produziert 480 Teile in einer 8-Stunden-Schicht. Die Produktionsrate beträgt 60 Teile pro Stunde oder 1 Teil pro Minute.
So einfach die Formel klingt, so komplex ist die Frage dahinter: Warum liegt die tatsächliche Produktionsrate fast immer unter der theoretisch möglichen? Und welche Verluste sind verantwortlich? Genau hier wird die Produktionsrate zu einer operativen Kennzahl, die weit mehr aussagt als eine Stückzahl pro Stunde.
Dieser Artikel erklärt, wie die Produktionsrate berechnet wird, wie sie sich von verwandten Kennzahlen unterscheidet, welche Faktoren sie beeinflussen und warum die automatische Erfassung der Schlüssel zur Verbesserung ist.
In der Fertigung werden mehrere Kennzahlen verwendet, die auf den ersten Blick dasselbe messen. In der Praxis beschreiben sie unterschiedliche Perspektiven auf den Produktionsprozess:
| Kennzahl | Definition | Einheit | Perspektive | Beispiel |
|---|---|---|---|---|
| Produktionsrate | Anzahl produzierter Einheiten pro Zeitraum (Ist-Wert) | Stück/Stunde, Stück/Schicht | Ergebnis: Was kommt tatsächlich raus? | 420 Teile/Schicht |
| Taktzeit (Ist) | Tatsächliche Zeit zwischen zwei aufeinander folgenden Teilen | Sekunden/Teil | Prozess: Wie schnell läuft die Maschine wirklich? | 68,6 Sekunden/Teil (statt 60 s Soll) |
| Soll-Taktzeit | Theoretisch schnellste Zeit zwischen zwei Teilen bei voller Geschwindigkeit | Sekunden/Teil | Referenz: Wie schnell sollte die Maschine laufen? | 60 Sekunden/Teil |
| Durchsatz (Throughput) | Gutteile, die das gesamte System in einem Zeitraum verlassen | Gutteile/Stunde | System: Was liefert die gesamte Linie an verwertbaren Teilen? | 400 Gutteile/Schicht (von 420 produzierten, 20 Ausschuss) |
| Ausbringung | Gesamtmenge produzierter Teile in einem definierten Zeitraum (Schicht, Tag, Woche) | Stück/Schicht, Stück/Tag | Ergebnis über einen längeren Zeitraum | 2.520 Teile/Tag (3 Schichten) |
Der entscheidende Punkt: Die Produktionsrate allein sagt nicht, ob die Produktion gut läuft. 420 Teile pro Schicht klingt nach einer konkreten Zahl. Aber ohne den Vergleich mit dem Soll-Wert (z.B. 480 Teile/Schicht) und ohne die Unterscheidung zwischen Gut- und Ausschussteilen fehlt der Kontext. Genau deshalb wird die Produktionsrate in der Praxis immer zusammen mit der OEE betrachtet.
Die Produktionsrate ist ein Ergebnis. Die OEE erklärt, warum das Ergebnis so ist, wie es ist. Die OEE zerlegt die Verluste in drei Kategorien:
| OEE-Faktor | Was gemessen wird | Wirkung auf die Produktionsrate | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Verfügbarkeit | Anteil der geplanten Produktionszeit, in der die Maschine tatsächlich produziert | Weniger Produktionszeit = weniger Teile. Stillstände, Rüsten und Störungen reduzieren die verfügbare Zeit | Geplant: 480 min. Tatsächlich produziert: 420 min. Verfügbarkeit: 87,5 %. 60 min gingen für Stillstände und Rüsten verloren |
| Leistung | Verhältnis von Ist-Taktzeit zu Soll-Taktzeit | Langsamere Taktzeit = weniger Teile pro Minute. Mikrostopps und reduzierte Geschwindigkeit senken die Rate | Soll: 60 s/Teil. Ist: 68,6 s/Teil. Leistung: 87,5 %. Die Maschine läuft, aber langsamer als geplant |
| Qualität | Anteil der Gutteile an der Gesamtproduktion | Ausschuss und Nacharbeit reduzieren die verwertbare Ausbringung | 420 Teile produziert, 20 Ausschuss. Qualität: 95,2 %. Nur 400 verwertbare Teile |
Rechnerisch ergibt sich: OEE = 87,5 % x 87,5 % x 95,2 % = 72,9 %. Von den theoretisch möglichen 480 Teilen pro Schicht bleiben 400 verwertbare Gutteile übrig. Die Produktionsrate (420 Teile/Schicht brutto) sieht auf den ersten Blick akzeptabel aus. Die OEE zeigt, dass 27 % des Potenzials ungenutzt bleiben.
In der Praxis wird die Produktionsrate von sechs Faktoren bestimmt, die in zwei Kategorien fallen:
| Kategorie | Faktor | Wirkung | Typisches Ausmaß |
|---|---|---|---|
| Technisch | Ungeplante Stillstände (Störungen, Maschinenausfälle) | Maschine steht. Null Teile während des Stillstands | 5-15 % der geplanten Produktionszeit |
| Mikrostopps und reduzierte Geschwindigkeit | Maschine läuft, aber langsamer als geplant. Taktzeit weicht ab | 5-15 % Leistungsverlust. Wird bei manueller Erfassung fast nie erkannt | |
| Ausschuss und Nacharbeit | Teile werden produziert, sind aber nicht verwertbar | 2-8 % Qualitätsverlust | |
| Organisatorisch | Rüstzeiten und Produktwechsel | Geplanter Stillstand für Umrüstung. Keine Teile während der Rüstzeit | 5-20 % der geplanten Produktionszeit, je nach Losgröße und Variantenvielfalt |
| Materialversorgung | Maschine steht, weil Material fehlt oder zu spät kommt | 1-5 % der geplanten Produktionszeit | |
| Schichtwechsel und organisatorische Pausen | Keine Produktion während des Übergangs | 1-3 % der geplanten Produktionszeit |
Das Problem in der Praxis: Bei manueller Erfassung werden die technischen Verluste systematisch unterschätzt. Mikrostopps von 10-30 Sekunden werden nicht notiert. Taktzeitabweichungen von wenigen Sekunden fallen nicht auf. Erst wenn jeder Maschinenzyklus automatisch erfasst wird, zeigt sich das vollständige Bild.
| Erfassungsmethode | Was erfasst wird | Was fehlt | Auswirkung auf die Kennzahlen |
|---|---|---|---|
| Strichliste / Schichtbericht | Stückzahl am Ende der Schicht. Große Stillstände (ab ca. 10 min) | Mikrostopps, Taktzeitabweichungen, kurze Störungen unter 5 min, Rüstzeiten werden geschätzt | OEE typischerweise 5-15 Prozentpunkte zu hoch. Leistungsverluste bleiben unsichtbar |
| BDE-Terminal (manuelle Eingabe) | Stückzahl, Start/Ende von Aufträgen, größere Stillstände mit Ursache | Mikrostopps, Taktzeitabweichungen innerhalb eines Auftrags. Genauigkeit hängt von der Disziplin des Bedieners ab | Besser als Strichliste, aber Leistungsverluste werden weiterhin nicht erkannt |
| Automatische Maschinendatenerfassung | Jeder einzelne Maschinenzyklus. Ist-Taktzeit, Stillstände sekundengenau, Alarme, Prozessparameter | Nichts. Jedes Ereignis wird erfasst | Erstmals vollständiges Bild. OEE liegt fast immer niedriger als bei manueller Erfassung, aber die Daten sind korrekt |
Die Erfahrung aus über 15.000 Maschinenanbindungen zeigt: Die erste automatische Datenerfassung liefert fast immer ein anderes Bild als die bisherige manuelle Erfassung. Die Produktionsrate liegt niedriger, die Mikrostopps sind häufiger, die Rüstzeiten länger als erwartet. Nicht weil die Mitarbeiter falsch erfasst haben, sondern weil manuelle Erfassung systembedingt ungenau ist.
Bei Klocke (Lohnhersteller Pharma, Kosmetik, Nahrungsergänzungsmittel, vollautomatische Verpackungslinien) wurde die Produktionsrate der Verpackungslinien über DI-Gateways automatisch erfasst. Stückzahlen und Stillstände fließen in Echtzeit in die Cloud-Plattform. Unidirektionale Anbindung an das Navision ERP über eine Dateischnittstelle liefert den Auftragskontext. Ergebnis: 7 Stunden mehr Produktionszeit pro Woche, 12 % bessere Ausbringung, 8 % bessere Verfügbarkeit. Die entscheidende Erkenntnis war nicht, dass die Produktionsrate niedrig lag, sondern wo genau die Verluste entstanden: Mikrostopps bei Materialzufuhr und Rüstzeiten zwischen Produktwechseln.
Bei Carcoustics (Automobilzulieferer, Spritzguss, Kaltschäumen, Stanzen, 500+ Anlagen in allen Werken) wurde die Produktionsrate konzernweit auf identischen Dashboards standardisiert. OT-Integration über IXON IoT-Geräte und MQTT in MS Azure. Bidirektionale Anbindung an SAP R3 über ABAP IDoc. Die Vergleichbarkeit der Produktionsrate zwischen Werken war erstmals gegeben, weil alle Werke dieselbe Datenquelle, dieselbe Berechnung und dasselbe Dashboard verwenden. Ergebnis: 8 % bessere Verfügbarkeit, 3 % bessere Ausbringung, 4 % weniger Stillstände.
In beiden Fällen war die Steigerung der Produktionsrate kein technisches Projekt, sondern ein Transparenzprojekt. Die Maschinen liefen vorher genauso. Aber erst durch die automatische Erfassung wurden die Verluste sichtbar, die vorher in Schichtberichten und Excel-Tabellen untergegangen waren.
Was ist eine gute Produktionsrate?
Das hängt vom Prozess, vom Produkt und von der Anlage ab. Die Produktionsrate allein ist kein Qualitätskriterium. Entscheidend ist das Verhältnis von Ist zu Soll. Wenn eine Maschine für 60 Teile/Stunde ausgelegt ist und 55 produziert, liegt die Leistung bei 91,7 %. Ob das gut oder schlecht ist, hängt vom Branchenbenchmark und von der Verluststruktur ab. Die OEE ist hier die bessere Bewertungsgrundlage als die absolute Produktionsrate.
Wie unterscheidet sich die Produktionsrate von der Ausbringung?
In der Praxis werden die Begriffe oft synonym verwendet. Technisch gibt es einen Unterschied: Die Produktionsrate beschreibt die Geschwindigkeit (Stück/Stunde), die Ausbringung beschreibt die Gesamtmenge in einem Zeitraum (Stück/Schicht oder Stück/Tag). Die Produktionsrate kann innerhalb einer Schicht schwanken (z.B. nach dem Rüsten höher, gegen Schichtende niedriger). Die Ausbringung ist das Gesamtergebnis am Ende.
Wie wird die Produktionsrate automatisch erfasst?
Die Maschine gibt bei jedem produzierten Teil ein Taktsignal ab. Ein IoT-Gateway greift dieses Signal ab und sendet es an die Cloud-Plattform. Dort wird die Ist-Taktzeit berechnet (Zeit zwischen zwei Signalen), die Stückzahl gezählt und die Produktionsrate pro Zeiteinheit ermittelt. Kein manueller Aufwand, sekundengenau, lückenlos. Die Installation eines Gateways dauert 2-4 Stunden pro Maschine.
Kann man die Produktionsrate steigern, ohne schneller zu produzieren?
Ja. Die häufigste Ursache für eine niedrige Produktionsrate sind nicht langsame Maschinen, sondern Stillstände und Mikrostopps. Wenn eine Maschine 70 % der geplanten Zeit produziert und den Rest steht (Rüsten, Störungen, Materialwarten), liegt der größte Hebel nicht in der Maschinengeschwindigkeit, sondern in der Verfügbarkeit. Eine Stunde weniger Stillstand pro Schicht bringt oft mehr als 5 % höhere Maschinengeschwindigkeit.
Wie hängen Produktionsrate und Stückkosten zusammen?
Direkt. Die Fixkosten (Maschine, Halle, Personal, Energie) fallen unabhängig von der Stückzahl an. Wenn die Produktionsrate steigt, verteilen sich die Fixkosten auf mehr Teile, die Stückkosten sinken. Umgekehrt: Jede Stunde Stillstand erhöht die Stückkosten, weil die Fixkosten weiterlaufen, aber keine Teile produziert werden. Genau deshalb ist die Produktionsrate nicht nur eine technische Kennzahl, sondern eine betriebswirtschaftliche.
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