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Prozessverbesserung in der Fertigung erklärt

Von Christian Fieg · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was ist Prozessverbesserung?

Prozessverbesserung in der Fertigung bedeutet: Verluste identifizieren, Ursachen analysieren, Maßnahmen umsetzen und das Ergebnis messen. Das klingt einfach. In der Praxis scheitern die meisten Verbesserungsinitiativen an einem einzigen Punkt: Es fehlen verlässliche Daten über das, was tatsächlich auf dem Shopfloor passiert.

Ein Schichtleiter, der glaubt, seine Linie hat 85 % Verfügbarkeit, trifft andere Entscheidungen als einer, der weiß, dass es 72 % sind. Prozessverbesserung beginnt nicht mit einer Methode. Sie beginnt mit einer Zahl, die stimmt. Alles andere, ob PDCA, DMAIC oder Kaizen, ist ein Werkzeug, um aus dieser Zahl eine Maßnahme abzuleiten und deren Wirkung nachzuweisen.

In der OEE-Systematik werden Produktionsverluste in drei Kategorien sichtbar: Verfügbarkeitsverluste (Stillstände, Rüstzeiten), Leistungsverluste (Taktzeitverluste, Mikrostopps) und Qualitätsverluste (Ausschuss, Nacharbeit). Jede Prozessverbesserung in der Fertigung adressiert eine oder mehrere dieser Verlustarten. Ohne diese Struktur ist Verbesserung Zufall.


PDCA, DMAIC und Kaizen: Drei Methoden, drei Einsatzfelder

In der Fertigung kommen drei Methoden der Prozessverbesserung am häufigsten zum Einsatz. Sie unterscheiden sich in Komplexität, Dauer und Datenintensität:

Methode Ablauf Typischer Einsatz Dauer Datenintensität
PDCA (Plan-Do-Check-Act) 4 Phasen im Zyklus, schnelle Iteration Bekanntes Problem, einfache Ursache, schnelle Maßnahme (z. B. Rüstzeit an einer Maschine verkürzen) Tage bis Wochen Gering bis mittel
DMAIC (Define-Measure-Analyze-Improve-Control) 5 Phasen, statistische Analyse Komplexes Problem mit unklarer Ursache, mehrere Einflussfaktoren (z. B. Ausschussrate schwankt zwischen 2 % und 8 % ohne erkennbares Muster) Wochen bis Monate Hoch
Kaizen (Shopfloor-Workshop) 3-5 Tage Workshop, interdisziplinäres Team, sofortige Umsetzung Prozess mit vielen kleinen Verlusten, die in Summe signifikant sind (z. B. Materialfluss zwischen Spritzguss und Montage) 3-5 Tage Gering (aber Vorher/Nachher-Messung nötig)

Der häufigste Fehler: DMAIC für einfache Probleme einsetzen (zu aufwendig) oder PDCA für komplexe Probleme (zu oberflächlich). Wenn die Ursache bekannt ist, reicht PDCA. Wenn die Ursache unklar ist und mehrere Faktoren zusammenspielen, braucht es DMAIC. Wenn viele kleine Verluste in einem Bereich zusammenkommen und das Team vor Ort am besten weiß, wo die Probleme liegen, ist Kaizen das richtige Werkzeug.


Warum Prozessverbesserung ohne Daten nicht funktioniert

Jede Methode der Prozessverbesserung hat einen gemeinsamen Startpunkt: Messen. Im PDCA ist es die "Plan"-Phase, im DMAIC die "Measure"-Phase, im Kaizen die Vorher-Messung. Ohne Messung gibt es keine Baseline, ohne Baseline keine Verbesserung, die sich nachweisen lässt.

In der Fertigung bedeutet "Messen" konkret: Maschinendaten automatisch erfassen. Wie viele Teile wurden produziert? Wie lang war die Taktzeit? Wie oft und wie lange stand die Maschine still? Was war die Stillstandsursache? Wie viele Teile waren Ausschuss?

Die typische Realität: Diese Daten existieren nicht, oder sie existieren auf Papier in einem Schichtbuch, das am nächsten Morgen abgetippt wird. Bis die Daten vorliegen, ist die Schicht vorbei, die Ursache nicht mehr rekonstruierbar und die Verbesserungsidee eine Vermutung.

Automatische Maschinendatenerfassung verändert diesen Ablauf grundlegend. Wenn jede Maschine bei jedem Takt ihre Daten meldet (Stückzahl, Stillstand, Ursache, Taktzeit), entsteht eine lückenlose Datenbasis. Der DMAIC-Define-Schritt dauert nicht mehr drei Wochen Datensammlung, sondern einen Klick auf das Dashboard. Die Kaizen-Vorher-Messung ist keine Stoppuhr-Aktion mehr, sondern ein automatischer Report der letzten 30 Tage.


Rechenbeispiel: Ein PDCA-Zyklus an einer Spritzgusslinie

Eine Spritzgussmaschine produziert Gehäuseteile. Die OEE-Daten der letzten 4 Wochen zeigen: Verfügbarkeit 78 %, Leistung 91 %, Qualität 98 %. OEE: 69,5 %. Die Stillstandsanalyse zeigt: Der größte Einzelverlust sind Rüstvorgänge mit durchschnittlich 42 Minuten pro Werkzeugwechsel, 3x pro Schicht.

PDCA-Phase Aktion Ergebnis
Plan OEE-Dashboard analysieren: Top-Stillstandsursache ist "Rüsten" mit 126 Min./Schicht (3 x 42 Min.). Ziel: Rüstzeit auf 25 Min. senken. Maßnahme: Externes Rüsten (SMED) einführen, Werkzeugvorbereitung parallel zum laufenden Auftrag. Baseline dokumentiert: 42 Min./Rüstvorgang
Do Externen Rüstplatz einrichten. Werkzeug, Schläuche und Anschlüsse vorbereiten, während Maschine noch produziert. Internen Rüstanteil auf Werkzeugwechsel und Anfahren begrenzen. Pilotversuch: 3 Schichten mit neuem Ablauf
Check OEE-Dashboard nach Pilotphase prüfen: Rüstzeit jetzt 24 Min. pro Vorgang. Rüstzeit pro Schicht: 72 Min. statt 126 Min. Verfügbarkeit: 84 % statt 78 %. 54 Min./Schicht gewonnen. OEE: 74,9 % statt 69,5 %
Act Neuen Rüststandard dokumentieren. Rüstcheckliste am Maschinenplatz aushängen. Nächster PDCA-Zyklus: Anfahrverluste nach Rüsten analysieren (Qualitätsfaktor). Standard etabliert, nächster Verlust identifiziert

Die OEE-Verbesserung von 5,4 Prozentpunkten bedeutet bei 480 Min. geplanter Produktionszeit: 26 Minuten mehr Produktionszeit pro Schicht. Bei 3 Schichten und 250 Arbeitstagen sind das 325 Stunden pro Jahr. Bei einem Maschinenstundensatz von 120 Euro sind das 39.000 Euro pro Jahr, pro Maschine, durch einen einzigen PDCA-Zyklus.


Die sechs größten OEE-Verluste als Startpunkt der Prozessverbesserung

Die Six Big Losses bilden den strukturierten Rahmen für Prozessverbesserung in der Fertigung. Jede Verlustart zeigt, wo Produktionszeit verloren geht und welche Verbesserungsmethode am besten passt:

OEE-Faktor Verlustart Typische Ursache Passende Methode
Verfügbarkeit Ungeplante Stillstände Maschinendefekte, Materialengpässe, fehlende Werkzeuge DMAIC (Ursache oft komplex und mehrdimensional)
Verfügbarkeit Geplante Stillstände (Rüsten) Werkzeugwechsel, Materialwechsel, Reinigung PDCA + SMED (Ursache bekannt, Maßnahme klar)
Leistung Mikrostopps Sensorfehler, Verklemmungen, kurze Unterbrechungen (< 5 Min.) Kaizen (viele kleine Verluste, Team vor Ort weiß Bescheid)
Leistung Reduzierte Geschwindigkeit Verschleiß, falsche Parameter, Materialqualität DMAIC (Korrelation Parameter vs. Taktzeit nötig)
Qualität Ausschuss und Nacharbeit Prozessinstabilität, Werkzeugverschleiß, Bedienfehler DMAIC + SPC (statistische Prozesskontrolle)
Qualität Anlaufverluste Teile nach Rüsten oder Anfahren, bevor Prozess stabil läuft PDCA (Anfahrprozedur standardisieren)

Diese Tabelle ist der Einstieg in jedes Verbesserungsprojekt: OEE-Daten anschauen, größten Verlust identifizieren, passende Methode auswählen, Maßnahme umsetzen, Ergebnis im OEE-Dashboard überprüfen. Nicht umgekehrt: Erst eine Methode wählen und dann nach einem passenden Problem suchen.


Prozessverbesserung in der Praxis: Was verändert sich mit Echtzeit-Daten?

Bei Carcoustics (Spritzguss, Kaltschäumen, Stanzen in 7 Werken weltweit) hat die Einführung der automatischen Maschinendatenerfassung die Prozessverbesserung auf eine neue Grundlage gestellt. Vorher: Verlustdaten aus Papier-Schichtberichten, wochenalte Analysen, Verbesserungsprojekte auf Basis von Vermutungen. Nachher: Konzernweite Performance-Analyse in Echtzeit, digitale Unterstützung von Rüstprozessen, bidirektionale SAP-Anbindung. Das Ergebnis: 4 % weniger Stillstände, 3 % mehr Ausbringung und 8 % bessere Verfügbarkeit innerhalb von 6 Monaten, Skalierung auf 500+ Anlagen.

Bei Neoperl (vollautomatische Montageautomaten) hat die Korrelation von SPS-Alarmen mit Stillständen und Qualitätsdefekten datenbasierte Kaizen-Workshops ermöglicht. Die Werker wussten schon vorher, wo die Probleme lagen. Aber erst die automatische Datenerfassung hat die Verluste quantifiziert und priorisiert. Das Ergebnis: 10 % weniger Stillstände, 15 % weniger Ausschuss und 15 % Produktivitätsgewinn.

Bei Schmiedetechnik Plettenberg (Umform- und Schmiedeprozesse) hat die bidirektionale ERP-Integration die Lücke zwischen Planungswelt und Shopfloor-Realität geschlossen. Prozessverbesserung basiert seitdem auf konsistenten Echtzeit-Daten statt auf manuellen Rückmeldungen am Schichtende. Weniger Stillstände durch schnellere Ursachenanalyse, höhere Prozesssicherheit durch automatisierte Rückmeldungen, effizientere Schichtwechsel durch gemeinsame Datenbasis.


Häufige Fragen zur Prozessverbesserung

Was ist der Unterschied zwischen PDCA und DMAIC?
PDCA ist ein schneller 4-Phasen-Zyklus für bekannte Probleme mit einfacher Ursache. DMAIC ist ein 5-Phasen-Prozess mit statistischer Analyse für komplexe Probleme mit unklarer Ursache. In der Fertigung: PDCA für Rüstzeitoptimierung, DMAIC für schwankende Ausschussraten.

Wo fängt man mit Prozessverbesserung an?
Mit Daten. Im OEE-Dashboard den größten Verlust identifizieren, die passende Methode auswählen und eine Maßnahme umsetzen. Nicht mit einer Methode anfangen und dann nach einem Problem suchen.

Warum scheitern Verbesserungsprojekte in der Fertigung?
Am häufigsten: fehlende Daten (Baseline nicht vorhanden), falsche Methode (DMAIC für ein einfaches Rüstproblem), keine Nachverfolgung (Maßnahme umgesetzt, aber Wirkung nicht gemessen) oder mangelnde Verankerung (Verbesserung hält 2 Wochen, dann kehrt der alte Prozess zurück).

Was haben OEE und Prozessverbesserung miteinander zu tun?
OEE ist die Kennzahl, die zeigt, wo Produktionszeit verloren geht (Verfügbarkeit, Leistung, Qualität). Prozessverbesserung ist die Methode, diese Verluste systematisch zu reduzieren. Die Six Big Losses strukturieren die Verluste. PDCA, DMAIC und Kaizen liefern das Vorgehen.

Braucht man ein MES für Prozessverbesserung?
Man braucht verlässliche Maschinendaten. Ob die aus einem MES, einer automatischen Maschinendatenerfassung oder einem manuellen System kommen, ist sekundär. Aber: Manuelle Systeme liefern verspätete, ungenaue und lückenhafte Daten. Automatische Systeme liefern Echtzeitdaten pro Takt. Die Qualität der Verbesserung hängt direkt von der Qualität der Daten ab.

Christian Fieg
Über den Autor:
Christian Fieg
Head of Sales bei SYMESTIC. Zuvor iTAC, Dürr, Visteon. Six Sigma Black Belt. Autor von "OEE: Eine Zahl, viele Lügen".
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