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Shop Floor Control (SFC): Aufträge steuern, Fertigung überwachen

Von Christian Fieg · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was ist Shop Floor Control (SFC)?

Shop Floor Control (SFC) beschreibt die operative Steuerung und Überwachung von Fertigungsaufträgen am Shopfloor. SFC beantwortet die Fragen, die ein ERP-System nicht beantworten kann: Welcher Auftrag läuft gerade an welcher Maschine? Wie viele Teile sind fertig? Wo steht der Auftrag wirklich, nicht laut Plan, sondern tatsächlich?

Das Problem ohne SFC ist in jedem produzierenden Unternehmen dasselbe: Das ERP gibt einen Fertigungsauftrag frei. Der Auftrag erscheint auf einer Papierliste oder in einem Excel-Sheet. Der Schichtleiter verteilt die Aufträge mündlich. Der Werker beginnt zu arbeiten. Ab diesem Moment hat niemand mehr einen aktuellen Überblick. Wie viele Teile sind bereits produziert? Seit wann steht die Maschine? Wird der Liefertermin gehalten? Die Antwort lautet in den meisten Fällen: "Weiß ich nicht genau, müsste ich nachschauen." Und "nachschauen" bedeutet: zum Werker laufen, fragen, Zettel lesen, Excel aktualisieren. Bis die Information beim Entscheider ankommt, ist sie veraltet.

SFC löst dieses Problem, indem es drei Dinge verbindet:

1. Auftragssteuerung: Aufträge werden nicht auf Papier verteilt, sondern digital an der Maschine angezeigt. Der Werker sieht auf einem Terminal oder Tablet, welcher Auftrag als nächstes ansteht, wie viele Teile zu produzieren sind und welches Material benötigt wird. Er startet den Auftrag mit einem Klick. Ab diesem Moment weiß das System: Auftrag X läuft an Maschine Y seit Zeitpunkt Z.

2. Datenerfassung: Während der Auftrag läuft, werden Daten automatisch erfasst. Maschinendatenerfassung (MDE) liefert Maschinenzustand (läuft/steht), Stückzahl und Taktzeit automatisch über Maschinensignale. Betriebsdatenerfassung (BDE) ergänzt auftragsbezogene Informationen: Welcher Auftrag, welcher Werker, welcher Stillstandsgrund, wie viele Gutteile, wie viele Ausschussteile.

3. Rückmeldung ans ERP: Die erfassten Daten fließen automatisch zurück ins ERP. Fertigmeldungen, Mengen, Zeiten, Qualitätsstatus. Das ERP weiß in Echtzeit, wo jeder Auftrag steht, ohne dass jemand manuell buchen muss.

In modernen Werken wird SFC nicht als eigenständiges System betrieben, sondern als Kernfunktion eines Manufacturing Execution Systems (MES). SFC ist das operative Herz des MES: die Ebene, auf der Planung (ERP) und Realität (Shopfloor) zusammengeführt werden.


SFC, MES und ERP: Wer macht was?

Die Begriffe SFC, MES und ERP werden oft vermischt. Die Abgrenzung ist einfach, wenn man sich fragt: Welches System beantwortet welche Frage?

Frage Wer antwortet Beispiel
Welche Aufträge müssen diese Woche produziert werden? ERP SAP gibt Fertigungsauftrag 4711 frei: 500 Teile, Liefertermin Freitag.
An welcher Maschine soll Auftrag 4711 laufen? MES / SFC (Feinplanung) MES weist Auftrag 4711 der Presse 3 zu, weil dort die geringste Rüstzeit anfällt.
Wie viele Teile sind jetzt gerade fertig? SFC (Datenerfassung) 327 von 500 Teilen produziert. Presse 3 läuft seit 06:14.
Warum steht Presse 3 seit 14 Minuten? SFC (Störungserfassung) Stillstandsgrund: Materialwechsel. Automatisch von SPS erkannt.
Ist Auftrag 4711 abgeschlossen? SFC (Rückmeldung) an ERP 500 Teile fertig. 487 Gut, 13 Ausschuss. Rückmeldung automatisch an SAP.
Wie hoch war die OEE bei Auftrag 4711? MES (Analyse auf Basis SFC-Daten) OEE 72 %. Verfügbarkeit 85 %, Leistung 92 %, Qualität 97 %.
Wie hoch waren die Herstellkosten? ERP SAP berechnet auf Basis der MES-Rückmeldung: Ist-Kosten vs. Plan.

SFC ist nicht ein separates System neben dem MES. SFC ist die operative Ebene innerhalb des MES. Wenn jemand sagt "Wir brauchen Shop Floor Control", meint er in der Regel: "Wir brauchen ein MES, das Aufträge steuert, Daten erfasst und ans ERP zurückmeldet."


Was SFC in der Praxis leistet: Fünf Kundenbeispiele

Schmiedetechnik Plettenberg (Metallverarbeitung): Durchgängiger Datenfluss ERP-MES-ERP. Das Paradebeispiel für SFC. Anna Lisa von Klösterlein, Customer Success bei SYMESTIC: "Sobald ein Fertigungsauftrag im ERP freigegeben wird, stehen alle relevanten Arbeitsgänge, Maschineninformationen und Zeitdaten automatisch in SYMESTIC bereit. Während der Produktion fließen sämtliche Rückmeldungen aus SYMESTIC, also Mengen, Zeiten, Stillstände und Statusinformationen, direkt zurück in das ERP." Das ist SFC in einem Satz: Auftrag kommt rein, Daten gehen zurück. Kein manuelles Buchen, keine Zettel, kein Zeitverzug. Vorher: "Produktionsdaten wurden überwiegend manuell erfasst, Maschinenzustände waren nur begrenzt sichtbar und Abweichungen wurden oft erst im Nachgang erkannt." Nachher: "Echtzeittransparenz über Maschinen, Schichten und Aufträge. Weniger Stillstände durch schnellere Ursachenanalyse."

Meleghy Automotive (6 Werke, Automotive): SAP-Bidirektionalität im Enterprise-Maßstab. "Bidirektionale Anbindung an SAP R3 über ABAP IDoc: Mapping von Maschinenzyklen zu Fertigungsaufträgen. Rückspielen der Daten ins ERP für vollständige Transparenz." Das ist SFC auf Konzernebene: 6 Werke in 4 Ländern, jedes mit SAP, jedes mit bidirektionaler Rückmeldung. "OEE-Erfassung an den wichtigsten Prozessschritten in allen Werken." Dazu: "Bidirektionale Anbindung an CASQ-it (Böhme & Weihs), um Stichproben zu triggern." Das ist SFC als Integrationsschicht: Nicht nur ERP, sondern auch QMS wird mit den Shopfloor-Daten versorgt. Ergebnis: "10 % Reduktion von Stillstandszeiten. 7 % Verbesserung der Ausbringung."

Carcoustics (500+ Anlagen, 7 Länder): SFC als Ablösung einer Bestandslösung. "Ablösung einer Bestandslösung in Polen und Haldensleben. Skalierung innerhalb von 6 Monaten auf 500+ Anlagen in allen Werken." Das zeigt: SFC ist kein Greenfield-Thema. Viele Unternehmen haben bereits ein SFC-System (oft veraltet, oft On-Premise, oft nicht mehr wartbar). Carcoustics hat die Bestandslösung durch SYMESTIC ersetzt und in 6 Monaten auf alle Werke skaliert. "Bidirektionale Anbindung an SAP R3 über ABAP IDoc." Ergebnis: "4 % Reduktion von Stillstandszeiten. 8 % Verbesserung der Verfügbarkeit."

Klocke (Pharma, Verpackung): SFC in reguliertem Umfeld. "Unidirektionale Anbindung an das Navision ERP über eine Dateischnittstelle: Übernahme des Auftragszustands und Stammdaten aus dem ERP. Mapping von Maschinenzyklen und Stillständen zu Fertigungsaufträgen." Bei Klocke ist die ERP-Anbindung unidirektional: Aufträge kommen aus Navision, die Rückmeldung läuft über andere Wege. Das ist typisch für regulierte Umgebungen, wo der Datenfluss kontrolliert sein muss. "Einsatz im regulierten Umfeld nach GMP." Ergebnis: "7h mehr Produktionszeit innerhalb einer Woche. 12 % Verbesserung der Ausbringung."

Neoperl (Building, Montagemaschinen): SFC als KVP-Werkzeug. Bei Neoperl liegt der Fokus nicht auf der Auftragssteuerung (Montagemaschinen laufen weitgehend autonom), sondern auf der Datenerfassung als Basis für kontinuierliche Verbesserung. "SPS-basierte Alarmerfassung und automatische Stillstandsüberwachung. Begründung technischer Stillstände durch die Anlage ohne Eingriff der Mitarbeitenden." "Implementierung als KVP-Werkzeug in der Organisation." Das ist SFC im Lean-Sinne: Nicht Aufträge steuern, sondern Verluste sichtbar machen. Ergebnis: "10 % weniger Stillstände. 15 % weniger Ausschuss. 15 % Produktivitätsgewinn."


Was passiert ohne SFC: Drei typische Szenarien

Szenario Was passiert ohne SFC Was mit SFC passiert
Auftragsstatus abfragen Produktionsleiter fragt Schichtleiter. Schichtleiter fragt Werker. Werker schaut auf den Stückzähler der Maschine. Antwort: "Ich denke, so ungefähr 300." Im ERP steht: "In Arbeit" (seit gestern). Niemand weiß genau, ob der Liefertermin gehalten wird. Dashboard zeigt: 327/500 Teile. Voraussichtliche Fertigstellung: 15:40. Liefertermin wird gehalten. Kein Anruf, keine Laufwege, keine Schätzung.
Stillstand erkennen und reagieren Maschine steht. Keiner merkt es, weil der Werker gerade an einer anderen Maschine ist. Nach 45 Minuten fällt es auf. Schichtleiter fragt: "Warum steht die?" Werker: "Keine Ahnung, lief vorhin noch." Keine Daten, keine Analyse, keine Maßnahme. MES erkennt Zustandswechsel nach Sekunden. Stillstandsanalyse zeigt Ursache (SPS-Alarm oder manuelle Buchung). Alarm an Schichtleiter. Reaktionszeit: Minuten statt Dreiviertelstunde.
Fertigmeldung ans ERP Auftrag ist fertig. Werker schreibt Stückzahl auf einen Zettel. Schichtleiter sammelt Zettel am Ende der Schicht. Am nächsten Morgen bucht jemand die Daten ins ERP. Zeitverzug: 12 bis 24 Stunden. Fehlerquote bei manueller Buchung: hoch. Fertigmeldung automatisch. Mengen, Zeiten, Qualitätsstatus fließen direkt ins ERP. Zeitverzug: Sekunden. Bei Schmiedetechnik Plettenberg: "Sämtliche Rückmeldungen fließen direkt zurück in das ERP. Dadurch entsteht ein durchgängiger Datenfluss ohne manuelle Zwischenschritte."

ERP-Integration: Die Verbindung, die SFC erst wirksam macht

SFC ohne ERP-Anbindung erfasst zwar Daten, aber die Aufträge kommen per Hand und die Rückmeldung geht per Hand. Das reduziert den Nutzen erheblich. Die eigentliche Stärke von SFC entfaltet sich, wenn der Datenfluss bidirektional ist:

Richtung Was fließt Kundenbeispiel
ERP an MES Fertigungsaufträge, Arbeitsgänge, Stücklisten, Stammdaten (Maschine, Material, Zeiten), Planmengen, Liefertermine. Schmiedetechnik Plettenberg: "Sobald ein Fertigungsauftrag im ERP freigegeben wird, stehen alle relevanten Arbeitsgänge automatisch in SYMESTIC bereit." Meleghy: "Bidirektionale Anbindung an SAP R3 über ABAP IDoc."
MES an ERP Ist-Mengen (Gut/Ausschuss), Ist-Zeiten (Bearbeitungszeit, Rüstzeit, Stillstandszeit), Auftragsfortschritt, Fertigmeldung, Qualitätsstatus. Schmiedetechnik Plettenberg: "Mengen, Zeiten, Stillstände und Statusinformationen fließen direkt zurück." Carcoustics: "Rückspielen der Daten ins ERP für vollständige Transparenz."

Die technische Umsetzung variiert nach ERP-System: Bei SAP läuft die Anbindung über ABAP IDoc (Meleghy, Carcoustics). Bei Navision über Dateischnittstelle (Klocke). Bei InforCOM über eine dedizierte Schnittstelle (Schmiedetechnik Plettenberg). Die Anbindung ist Teil des Implementierungsprojekts und wird bei der Einführung konfiguriert.


Häufige Fragen zu Shop Floor Control

Ist SFC dasselbe wie ein MES?

Nein, aber SFC ist der operative Kern eines MES. Ein MES umfasst mehr: Feinplanung, Qualitätsmanagement, Instandhaltung, Traceability, Reporting. SFC ist der Teil, der Aufträge steuert, Daten erfasst und ans ERP zurückmeldet. In der Praxis kauft heute niemand ein "SFC-System". Man kauft ein MES, das SFC-Funktionen enthält.

Kann ich SFC nutzen, ohne ein ERP zu haben?

Ja, aber eingeschränkt. Ohne ERP werden Aufträge manuell im MES angelegt (statt automatisch übernommen) und die Rückmeldung geht nicht automatisch an ein übergeordnetes System. Das funktioniert für kleinere Betriebe, die Transparenz über Maschinenzustände und OEE brauchen, aber (noch) kein ERP haben. Klocke hat im ersten Schritt eine unidirektionale Anbindung gewählt: Aufträge kommen aus Navision, die Rückmeldung läuft über andere Wege.

Was bringt SFC, wenn meine Maschinen alt sind und keine Schnittstelle haben?

Maschinendatenerfassung funktioniert auch an Bestandsanlagen. Ein digitales Signal (Maschine läuft/steht) reicht für die Zustandserfassung. IoT-Gateways mit digitalen Eingängen erfassen das Signal und senden es an das MES. Bei Carcoustics werden "IXON IoT Geräte und das MQTT-Protokoll" genutzt. Bei Klocke sind "alle Anlagen über etliche DI-Geräte vernetzt und benötigen keine LAN-Infrastruktur". Die Anbindung dauert typischerweise 2 bis 4 Stunden pro Maschine, ohne SPS-Eingriff und ohne Produktionsunterbrechung.

Wie schnell zeigt SFC Ergebnisse?

Der Effekt ist fast unmittelbar. Sobald Maschinenzustände und Auftragsfortschritte automatisch erfasst werden, wird sichtbar, was vorher verborgen war: Mikrostillstände, Leistungsverluste, Rüstzeitenunterschiede. Schmiedetechnik Plettenberg: "Stillstände wurden schneller erkannt, Ursachen konnten direkt überprüft werden und die Zusammenarbeit zwischen den Teams verbesserte sich deutlich." Klocke: "7h mehr Produktionszeit innerhalb einer Woche." Das ist eine Woche nach Go-Live.

Was ist der Unterschied zwischen SFC und Shopfloor Management?

SFC ist ein technisches System: Software, die Aufträge steuert, Daten erfasst und Rückmeldungen generiert. Shopfloor Management ist eine Führungsmethode: Tägliche Meetings am Board, visuelle Steuerung, Problemlösung im Team. Beide gehören zusammen: SFC liefert die Daten, die im Shopfloor Meeting besprochen werden. Ohne SFC basiert das Shopfloor Meeting auf Schätzungen. Ohne Shopfloor Meeting führen die SFC-Daten nicht zu nachhaltigen Maßnahmen. Neoperl nutzt SYMESTIC explizit als "KVP-Werkzeug in der Organisation".

Christian Fieg
Über den Autor:
Christian Fieg
Head of Sales bei SYMESTIC. Zuvor iTAC, Dürr, Visteon. Six Sigma Black Belt. Autor von "OEE: Eine Zahl, viele Lügen".
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