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Batch Control: Rezepte, Chargensteuerung & ISA-88 im Überblick

Was ist Batch Control?

Batch Control (Chargensteuerung) bezeichnet die automatisierte Fahrweise von chargenorientierten Prozessen: Rohstoffe werden nach Rezept in definierten Schritten verarbeitet, bis eine Charge fertig ist.

Typische Einsatzfelder:

  • Pharma, Chemie, Food & Beverage

  • Farben, Lacke, Klebstoffe

  • Misch-, Reaktions-, Fermentationsprozesse

Batch Control beantwortet im Kern drei Fragen:

  1. Was wird hergestellt? (Rezept)

  2. Wie läuft der Prozess? (Ablauf / Prozedur)

  3. Womit wird er gefahren? (Anlage / Equipment)

Beziehung zu ISA-88

Der internationale Standard ISA-88 (IEC 61512) liefert das Referenzmodell für Batch Control:

  • Prozessmodell: Prozess, Stages, Operations, Actions

  • Physikalisches Modell: Enterprise, Site, Area, Process Cell, Unit, Equipment Module, Control Module

  • Prozedurales Modell: Recipe Procedure, Unit Procedures, Operations, Phases

  • Rezeptmodell: General, Site, Master, Control Recipe

Wesentliche Prinzipien:

  • Trennung von Verfahren (Rezept) und Equipment (Anlage)

  • Modularisierung in wiederverwendbare Bausteine (Phases, Modules)

  • Einheitliche Terminologie für Verfahrenstechnik, Automatisierung, MES und IT

Praktisch heißt das: Das gleiche Master-Rezept kann auf mehreren Anlagen mit leicht unterschiedlichen Konfigurationen gefahren werden, ohne jedes Mal die komplette Logik neu zu programmieren.

Bausteine von Batch Control

1. Rezepte

Ein Batch-Rezept definiert:

  • Zielprodukt und Chargengröße

  • Materialien, Mengen, Sollwerte (Temperaturen, Zeiten, Rührerdrehzahlen etc.)

  • Prozessablauf (Unit Procedures, Operations, Phases)

  • Equipment-Anforderungen und Parameterfenster

Unterschieden wird typischerweise zwischen:

  • Master Recipe (freigegebene Standarddefinition)

  • Control Recipe (instanzierte Rezeptkopie für eine konkrete Charge)

2. Prozedurale Steuerung

Das prozedurale Modell steuert den Ablauf:

  • Starten, Pausieren, Fortsetzen, Abbrechen einer Charge

  • Schrittweise Ausführung von Phasen (z. B. „Heizen“, „Dosieren“, „Rühren“, „Kühlen“)

  • Übergabebedingungen und Interlocks (z. B. Temperatur erreicht, Ventil geschlossen, Tank frei)

Hier wird entschieden, wann welche Aktionen in welcher Reihenfolge ablaufen – unabhängig davon, auf welcher konkreten Unit sie letztlich ausgeführt werden.

3. Anlagen- & Modulstruktur

Das physikalische Modell sorgt dafür, dass Rezepte nicht an eine einzelne Anlage „festgeschweißt“ sind:

  • Unit: z. B. Reaktor, Mischer, Fermenter

  • Equipment Modules: z. B. Dosierstation, Heiz-/Kühlkreislauf, CIP-Einheit

  • Control Modules: Ventile, Motoren, Regler, Waagen

Batch Control nutzt diese Struktur, um Phasen auf Equipment- und Control-Module zu mappen. Das macht Prozesse änderungsfreundlich und skalierbar.

Typische Funktionen eines Batch Control Systems

Ein Batch-Control-System (oft Teil eines Prozessleitsystems oder MES) übernimmt u. a.:

  • Rezeptverwaltung
    Versionierung, Freigabe-Workflows, Audit-Trail, Änderungsmanagement.

  • Batch-Scheduling & -Dispatching
    Planung und Start von Batches auf verfügbaren Units, Berücksichtigung von Cleaning/CIP/SIP.

  • Online-Steuerung & Überwachung
    Visualisierung der laufenden Charge (Schritt, Status, Soll/Ist-Werte, Alarme).

  • Batch-Protokoll & Historisierung
    Lückenlose Erfassung von Parametern, Operator-Eingriffen, Abweichungen – Basis für QA, QP-Review, Audits.

  • Reporting & Analyse
    Chargenvergleich, Root-Cause-Analysen, OEE- und Durchsatzanalysen auf Batch-Ebene.

Nutzen von Batch Control

Professionell implementiertes Batch Control liefert:

  • Qualität & Compliance
    Reproduzierbare Abläufe, dokumentierte Parameterverläufe, Rückverfolgbarkeit – essenziell für regulierte Branchen.

  • Flexibilität
    Anpassung von Chargengrößen, Varianten, Rezeptversionen ohne Neuengineering der gesamten Steuerung.

  • Effizienz
    Besserer Anlagendurchsatz, weniger Fehler durch Bedienfehler, optimierte Cleaning- und Wechselstrategien.

  • Standardisierung
    Gleiche Rezepte und Abläufe auf mehreren Standorten, vergleichbare KPIs über Werke hinweg.

Batch Control und MES

Batch Control wird klassisch im Prozessleitsystem (DCS) verankert, aber die Verbindung zum MES wird immer wichtiger:

  • MES verwaltet Aufträge, Materialien, Kampagnen und leitet Batches an das Batch-Control-System weiter.

  • Batch Control liefert detaillierte Chargen- und Historien-Daten zurück (Zeiten, Parameter, Abweichungen).

  • MES nutzt diese Daten für OEE, Traceability, Performance-Analysen, PAT-Ansätze (Process Analytical Technology).

In modernen Architekturen übernehmen Cloud-MES- oder MOM-Lösungen zunehmend Funktionen wie:

  • werksweite Rezept- und Master-Data-Governance,

  • standortübergreifende Auswertung von Batches und Design Spaces,

  • Integration von Batch-Daten in Digital-Factory- und Analytics-Plattformen.

Batch Control vs. Continuous / Discrete

  • Batch: klar abgegrenzte Chargen, definierte Start-/Endpunkte, starke Rezeptorientierung.

  • Continuous: kontinuierlicher Materialfluss, Fokus auf Stabilität und Regelgüte über lange Zeiträume.

  • Discrete: Stückfertigung (Teile/Einheiten), häufig mit MES-Logik wie Workflows, OEE, Sequenzplanung.

Viele Werke fahren hybride Szenarien (z. B. Batch-Mischer + diskrete Abfüll-/Verpackungslinien). Ein einheitlicher Modell- und Datenansatz (ISA-88/ISA-95, MES-Integration) wird dann zum entscheidenden Architekturvorteil.

Kurz-FAQ zu Batch Control

Ist Batch Control nur für Pharma und Chemie relevant?
Nein. Überall dort, wo in definierten Chargen produziert wird (Food, Kosmetik, Lacke, Spezialchemie), sind Batch-Control-Prinzipien sinnvoll – oft sogar ohne volle Regulierungskomplexität.

Brauche ich zwingend ISA-88, um Batch Control zu nutzen?
Formal nein. In der Praxis spart ein ISA-88-konformer Ansatz aber massiv Aufwand, weil Rezepte, Anlagenmodelle und Steuerungsbausteine wiederverwendbar und herstellerübergreifend verständlich werden.

Wie passt Batch Control in eine Digital-Factory-Strategie?
Batch Control liefert die feingranularen Prozess- und Qualitätsdaten für PAT, OEE, Digital Twins und übergreifende Analytik. Über MES- und Datenplattformen werden diese Daten für Digital-Factory-Use-Cases nutzbar gemacht – von Predictive Quality bis globalem Benchmarking von Batches.

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