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Maschinendatenintegration: Maschinen an MES und Cloud anbinden

Von Mark Kobbert · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was ist Maschinendatenintegration?

Maschinendatenintegration bezeichnet den technischen Vorgang, Daten aus Produktionsmaschinen in ein übergeordnetes System zu bringen: in ein MES, eine Cloud-Plattform, ein ERP oder ein Analytics-Tool. Das klingt trivial. In der Praxis ist es die größte technische Hürde bei jeder MES-Einführung.

Das Problem: Jede Fertigungshalle ist ein heterogener Maschinenpark. Eine Presse von 1995 hat einen Relaisausgang, der "Maschine läuft" meldet. Eine Spritzgussmaschine von 2015 spricht EUROMAP 77 über OPC UA. Eine Montageanlage von 2020 liefert Alarme und Prozessdaten über einen integrierten OPC-UA-Server. Eine Verpackungslinie kommuniziert über proprietäre Protokolle. Und alle diese Maschinen sollen dieselben Daten liefern: Maschinenzustand, Stückzahl, Taktzeit, Stillstandsgrund.

Maschinendatenintegration löst dieses Problem, indem sie unterschiedliche Maschinensignale über standardisierte Wege (digitale I/O-Gateways, OPC UA, MQTT) in ein einheitliches Datenformat überführt. Das Ergebnis: Jede Maschine im Park liefert vergleichbare Daten, unabhängig von Hersteller, Baujahr und Steuerungsgeneration.


Drei Anbindungswege: Digitale Signale, OPC UA, MQTT

In der Praxis gibt es drei Wege, eine Maschine an ein MES oder eine Cloud-Plattform anzubinden. Die Wahl hängt davon ab, was die Maschine kann, nicht davon, was das MES will.

Anbindungsweg Was wird erfasst Typische Maschinen Installationsaufwand Kundenbeispiel
Digitale Signale (DI-Gateway) Maschinenzustand (läuft/steht), Stückzähler (Impulse), einfache Alarme. Kein SPS-Eingriff nötig. Ältere Pressen, Stanzen, Verpackungsmaschinen, Montageautomaten. Maschinen ohne OPC UA, ohne Netzwerkanschluss. 2 bis 4 Stunden pro Maschine. Kein SPS-Eingriff. Keine Produktionsunterbrechung. Keine LAN-Infrastruktur nötig (Mobilfunk/WLAN). Klocke: "Alle Anlagen sind über etliche DI-Geräte vernetzt und benötigen keine LAN-Infrastruktur."
OPC UA Alle Daten aus der Steuerung: Maschinenzustände, Alarme, Prozesswerte (Temperatur, Druck, Kraft), Programmnummern, Fehlercodes. Strukturiert und semantisch beschrieben. Moderne Steuerungen (Siemens S7-1500, Beckhoff TwinCAT, Allen-Bradley ControlLogix). Maschinen mit integriertem OPC-UA-Server. 4 bis 8 Stunden pro Maschine. Konfiguration des OPC-UA-Servers, Mapping der Variablen, Zertifikatseinrichtung. Brita: "Anbindung moderner Linien an Linienleitrechner System über OPC-UA, um Alarme aufzunehmen."
MQTT (via IoT-Gateway) Dieselben Daten wie DI oder OPC UA, aber über ein leichtgewichtiges Cloud-Protokoll übertragen. Das Gateway sammelt Maschinensignale und publiziert sie als MQTT-Topics in die Cloud. Jede Maschine, wenn ein IoT-Gateway vorgeschaltet wird. Besonders geeignet für verteilte Standorte und schnelle Skalierung. 2 bis 4 Stunden pro Maschine. Gateway-Installation, MQTT-Broker-Konfiguration, Cloud-Anbindung. Carcoustics: "OT-Integration über IXON IoT Geräte und dem MQTT-Protokoll in MS Azure."

In der Praxis werden diese drei Wege oft kombiniert. Bei Brita werden digitale Signale für die Basisdaten (Stückzahl, Maschinenzustand) und OPC UA für Alarme und erweiterte Daten genutzt: "Übernahme digitaler Maschinensignale zur Erfassung der tatsächlichen Ausbringung. Stillstands-Signale werden über Digitale Signale abgegriffen und transparent dargestellt. Anbindung moderner Linien über OPC-UA, um Alarme aufzunehmen." Das ist kein Entweder-oder. Es ist die Realität eines heterogenen Maschinenparks.


Protokollvergleich: OPC UA vs. MQTT vs. digitale Signale

Kriterium Digitale Signale (DI) OPC UA MQTT
Datentiefe Gering. Maschinenzustand, Stückzahl, einfache Alarme. Hoch. Alle Variablen der Steuerung, semantisch strukturiert. Variabel. Hängt vom vorgeschalteten Gateway ab.
Voraussetzung an der Maschine Mindestens ein digitaler Ausgang (Relais, 24V-Signal). OPC-UA-Server in der Steuerung oder OPC-UA-Gateway. IoT-Gateway (z. B. IXON, Wago, Tosibox).
SPS-Eingriff nötig? Nein. Signal wird extern abgegriffen. Meist nein (wenn OPC-UA-Server vorhanden). Konfiguration nötig. Nein. Gateway wird vorgeschaltet.
Netzwerkanforderung Keine (LTE/WLAN im Gateway). Ethernet/LAN zum OPC-UA-Server. LTE, WLAN oder Ethernet.
Cloud-Eignung Ja (über Gateway mit Cloud-Anbindung). Ja (über OPC-UA-Cloud-Connector oder Gateway). Nativ. MQTT ist ein Cloud-Protokoll.
Skalierbarkeit Hoch. Ein Gateway pro Maschine, keine Infrastruktur. Mittel. Konfigurationsaufwand pro Maschine höher. Sehr hoch. Publish/Subscribe-Architektur. Bei Carcoustics: 500+ Anlagen in 6 Monaten.
Typischer Einsatz Brownfield. Maschinen ohne jede digitale Schnittstelle. Greenfield und Brownfield mit modernen Steuerungen. Verteilte Standorte, schnelle Skalierung, Cloud-native Architekturen.

Was passiert nach der Anbindung: Vom Signal zum Dashboard

Die Maschinenanbindung liefert Rohdaten: Ein digitaler Impuls alle 12 Sekunden (Stückzähler). Ein Zustandswechsel von 1 auf 0 (Maschine steht). Ein OPC-UA-Variable "Alarm_Code = 4711" (Hydraulikdruck niedrig). Ein MQTT-Topic mit einem JSON-Objekt (Temperatur: 185.3 °C).

Diese Rohdaten werden in drei Schritten zu nutzbaren Informationen:

Schritt 1: Normalisierung. Unterschiedliche Signalformate werden in ein einheitliches Datenmodell überführt. Jede Maschine liefert dieselben Datenpunkte: Maschinenzustand, Stückzahl, Taktzeit, Alarme. Egal ob das Signal von einem DI-Gateway, einem OPC-UA-Server oder einem MQTT-Topic kommt.

Schritt 2: Kontextanreicherung. Die Rohdaten werden mit Fertigungskontext verknüpft: Welcher Auftrag läuft gerade? Welche Schicht? Welches Produkt? Welcher Werker? Ohne Kontext ist ein Stückzähler nur eine Zahl. Mit Kontext wird daraus: "Auftrag 4711, Presse 3, Schicht 1, 327 von 500 Teilen, Taktzeit 12,4 s (Soll: 12,0 s)."

Schritt 3: Kennzahlenberechnung. Aus den normalisierten und kontextangereicherten Daten berechnet das MES in Echtzeit: OEE (Verfügbarkeit x Leistung x Qualität), Stillstandspareto (Top-10-Gründe nach Dauer und Häufigkeit), Taktzeitabweichungen, Auftragsstatus, Schichtvergleiche. Bei Schmiedetechnik Plettenberg: "Bereits nach kurzer Zeit konnte das Team an der Linie Echtzeitdaten zu Taktzeiten, Mengen, Stillständen und Ablaufabweichungen einsehen."


Brownfield vs. Greenfield: Zwei verschiedene Welten

Die meisten Fertigungshallen sind Brownfield: ein gewachsener Maschinenpark mit Anlagen aus verschiedenen Jahrzehnten, unterschiedlichen Steuerungen und unterschiedlichen Kommunikationsfähigkeiten. Greenfield (komplett neue Anlage mit modernen Steuerungen und einheitlicher OPC-UA-Schnittstelle) ist die Ausnahme.

Kriterium Brownfield Greenfield
Maschinenpark Heterogen. Steuerungen von 1990 bis 2025. Verschiedene Hersteller. Verschiedene Protokolle. Homogen. Einheitliche Steuerungen, OPC UA als Standard, definierte Schnittstellen.
Anbindungsstrategie Kombiniert: DI-Gateways für alte Maschinen, OPC UA für moderne Steuerungen. Pragmatisch statt perfekt. Einheitlich: OPC UA für alle Maschinen. Spezifikation im Lastenheft der Anlage.
SPS-Eingriff Vermeiden. Ältere Steuerungen dürfen nicht verändert werden (Gewährleistung, Validierung). Externe Signalabgriff. Möglich. Maschinenlieferant konfiguriert OPC-UA-Server und stellt Variablenliste bereit.
Datentiefe am Anfang Gering bis mittel. Maschinenzustand und Stückzahl reichen für OEE. Prozessdaten kommen später. Hoch. Alle Variablen von Anfang an verfügbar.
Kundenbeispiel Klocke: Alle Anlagen über DI-Geräte. Keine LAN-Infrastruktur. Carcoustics: IXON IoT + MQTT. 500+ Anlagen in 6 Monaten. Brita: OPC-UA-Anbindung moderner Linien an Linienleitrechner.

Der häufigste Fehler: Unternehmen warten auf den Greenfield-Moment ("Wenn wir die nächste Anlage kaufen, spezifizieren wir OPC UA"). In der Zwischenzeit laufen 20 Bestandsmaschinen ohne jede Datenerfassung. Brownfield-Anbindung mit DI-Gateways liefert innerhalb von Stunden die ersten Daten. Martin Brandel (MES Consultant, SYMESTIC): "Viele Unternehmen glauben, ihre alten Maschinen könnten keine Daten liefern. Das stimmt fast nie. Mit dem richtigen Gateway und dem richtigen Ansatz lässt sich jede Anlage anbinden."


Kundenbeispiele: Maschinendatenintegration in der Praxis

Klocke (Pharma, Verpackung): DI-Gateways ohne LAN. "Alle Anlagen sind über etliche DI-Geräte vernetzt und benötigen keine LAN-Infrastruktur." Die DI-Gateways (Digital Input) erfassen Maschinensignale (Stückzähler, Maschinenzustand) und übertragen sie über Mobilfunk (LTE) in die Cloud. Kein Netzwerkkabel, kein SPS-Eingriff, keine Produktionsunterbrechung. "Erfassung von Stückzahlen und Stillständen über DI-Gateway." Skalierung auf alle Linien am Standort Weingarten in nur 3 Wochen. Ergebnis: "7h mehr Produktionszeit innerhalb einer Woche. 12 % Verbesserung der Ausbringung."

Carcoustics (Automotive, 500+ Anlagen): MQTT in 7 Ländern. "OT-Integration über IXON IoT Geräte und dem MQTT-Protokoll in MS Azure." IXON IoT-Gateways werden an jede Maschine angeschlossen und publizieren Maschinendaten als MQTT-Topics in Microsoft Azure. Das Publish/Subscribe-Modell von MQTT ermöglicht die schnelle Skalierung: Ein neues Gateway wird konfiguriert, das Topic-Mapping wird angelegt, und die Daten fließen. "Skalierung innerhalb von 6 Monaten auf 500+ Anlagen in allen Werken." Ergebnis: "4 % Reduktion von Stillstandszeiten. 8 % Verbesserung der Verfügbarkeit."

Brita (FMCG, Montagelinien): OPC UA + digitale Signale. Kombinierter Ansatz: "Übernahme digitaler Maschinensignale zur Erfassung der tatsächlichen Ausbringung." Für die Basisdaten (Stückzahl, Maschinenzustand) reichen digitale Signale. Für erweiterte Daten (Alarme, Linienleitrechner-Daten) wird OPC UA genutzt: "Anbindung moderner Linien an Linienleitrechner System über OPC-UA, um Alarme aufzunehmen." Ergebnis: "5 % Reduktion von Stillstandszeiten. 7 % Verbesserung der Ausbringung."

Neoperl (Building, Montageautomaten): SPS-basierte Integration. "SPS-basierte Alarmerfassung und automatische Stillstandsüberwachung. Begründung technischer Stillstände durch die Anlage ohne Eingriff der Mitarbeitenden." Die Montageautomaten von Neoperl haben moderne Steuerungen, die Alarme und Stillstandsgründe automatisch liefern. Das MES greift diese Daten direkt ab und korreliert sie mit Qualitätsergebnissen: "Korrelation von SPS-Alarmen mit Stillständen und Qualitätsdefekten." Ergebnis: "10 % weniger Stillstände. 15 % weniger Ausschuss."


Häufige Fragen zur Maschinendatenintegration

Können auch alte Maschinen angebunden werden?

Ja. Jede Maschine, die ein elektrisches Signal liefert ("Maschine läuft"), kann angebunden werden. Ein DI-Gateway (Digital Input) erfasst dieses Signal und überträgt es über Mobilfunk oder WLAN in die Cloud. Kein SPS-Eingriff, kein Steuerungstausch, keine LAN-Verkabelung. Bei Klocke: "Alle Anlagen sind über etliche DI-Geräte vernetzt und benötigen keine LAN-Infrastruktur." Die Installation dauert 2 bis 4 Stunden pro Maschine.

OPC UA oder MQTT: Was ist besser?

Keines ist besser. Sie lösen unterschiedliche Probleme. OPC UA ist stark bei der strukturierten Kommunikation nah an der Maschine: Es liefert semantisch beschriebene Daten (Variablenname, Datentyp, Einheit, Grenzwerte) direkt aus der Steuerung. MQTT ist stark bei der skalierbaren Verteilung von Daten in Cloud-Umgebungen: leichtgewichtig, Publish/Subscribe, niedrige Bandbreite. In der Praxis werden beide kombiniert: OPC UA am Shopfloor, MQTT Richtung Cloud. Bei Carcoustics werden IXON-Gateways mit MQTT an Microsoft Azure angebunden.

Wie lange dauert die Anbindung einer Maschine?

Digitale Signale (DI-Gateway): 2 bis 4 Stunden. OPC UA: 4 bis 8 Stunden (abhängig von der Konfiguration des OPC-UA-Servers). MQTT über IoT-Gateway: 2 bis 4 Stunden. Bei Carcoustics wurden 500+ Anlagen in 6 Monaten angebunden. Bei Klocke alle Linien am Standort in 3 Wochen.

Was ist der Unterschied zwischen Maschinendatenintegration und Maschinendatenerfassung (MDE)?

MDE beschreibt, welche Daten erfasst werden (Maschinenzustand, Stückzahl, Taktzeit, Alarme) und was damit gemacht wird (OEE berechnen, Stillstände analysieren). Maschinendatenintegration beschreibt, wie die Daten technisch aus der Maschine in das MES kommen: Welches Protokoll, welches Gateway, welche Architektur. MDE ist der Anwendungsfall, Maschinendatenintegration ist die technische Voraussetzung dafür.

Brauche ich eine eigene IT-Abteilung für die Maschinenanbindung?

Nein. Bei Cloud-nativen MES-Plattformen wird die gesamte Infrastruktur (Server, Datenbank, Updates, Sicherheit) vom Anbieter betrieben. Die Maschinenanbindung selbst (Gateway installieren, Signal konfigurieren) erledigt der MES-Consultant oder nach Schulung das eigene Team. Bei Meleghy: "Modularer Baukasten von SYMESTIC ermöglicht eigenständige Skalierung durch Meleghy." Das bedeutet: Nach dem Onboarding kann der Kunde selbst weitere Maschinen anbinden.

Mark Kobbert
Über den Autor:
Mark Kobbert
CTO der symestic GmbH. Verantwortet die Cloud-MES-Architektur seit 2014. B.Sc. Wirtschaftsinformatik.
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