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Prozesskontrolle: Definition, Methoden und Praxis in der Fertigung

Was ist Prozesskontrolle?

Prozesskontrolle ist die systematische Überwachung und Steuerung von Fertigungsprozessen mit dem Ziel, definierte Prozessparameter innerhalb festgelegter Grenzen zu halten. Sie erkennt Abweichungen im laufenden Prozess und korrigiert sie, bevor fehlerhafte Produkte entstehen.

Der Begriff wird in der diskreten Fertigung und in der Prozessindustrie unterschiedlich verwendet. In der Prozessindustrie (Chemie, Pharma, Lebensmittel) bezeichnet Process Control die automatische Regelung physikalischer Größen wie Temperatur, Druck, Durchfluss und Füllstand über PID-Regler und Leitsysteme (DCS/PLS). In der diskreten Fertigung (Automotive, Metallverarbeitung, Kunststoff) umfasst Prozesskontrolle ein breiteres Spektrum: von der Überwachung von Maschinenparametern (Kräfte, Temperaturen, Zykluszeiten) über statistische Verfahren (SPC) bis hin zur Echtzeit-Auswertung von Produktionskennzahlen.

In beiden Fällen verfolgt Prozesskontrolle dasselbe Prinzip: nicht das Produkt am Ende prüfen und fehlerhafte Teile aussortieren, sondern den Prozess so stabil halten, dass fehlerhafte Teile gar nicht erst entstehen. Die Verlagerung von Produktkontrolle zu Prozesskontrolle ist einer der wichtigsten Paradigmenwechsel in der modernen Fertigung.


Prozesskontrolle vs. Qualitätskontrolle vs. Qualitätssicherung: Was ist was?

Drei Begriffe, die im Alltag oft synonym verwendet werden, aber unterschiedliche Dinge meinen.

Begriff Definition Zeitpunkt Fokus
Prozesskontrolle Überwachung und Steuerung der Prozessparameter während der Fertigung Während des Prozesses (inline, in Echtzeit) Prozess stabil halten, Abweichungen korrigieren
Qualitätskontrolle (QC) Prüfung fertiger Produkte gegen Spezifikationen Nach dem Prozess (End-of-Line, Warenausgang) Fehlerhafte Teile erkennen und aussortieren
Qualitätssicherung (QA) Organisatorische und planerische Maßnahmen zur Fehlervermeidung Vor, während und nach dem Prozess Systeme und Prozesse aufbauen, die Qualität sicherstellen

Prozesskontrolle ist die operative Ebene: Sie greift direkt in den laufenden Prozess ein. Qualitätskontrolle ist reaktiv: Sie prüft, was bereits produziert wurde. Qualitätssicherung ist das Dach: Sie stellt sicher, dass die Systeme, Standards und Methoden existieren, damit Prozesskontrolle und Qualitätskontrolle funktionieren.

In der Praxis zeigt sich der Unterschied am klarsten bei der Frage, wer zahlt. Prozesskontrolle verhindert Ausschuss, bevor er entsteht. Qualitätskontrolle findet Ausschuss, nachdem er entstanden ist. Jedes Teil, das erst am End-of-Line als fehlerhaft erkannt wird, hat bereits den gesamten Wertschöpfungsprozess durchlaufen und Kosten verursacht, ohne verwertbar zu sein.


Der Regelkreis: Wie Prozesskontrolle funktioniert

Prozesskontrolle folgt immer demselben Grundprinzip: dem geschlossenen Regelkreis. Messen, Vergleichen, Eingreifen, Verifizieren.

Schritt 1: Messen. Prozessparameter werden erfasst. In einer Spritzgussmaschine sind das Einspritzdruck, Nachdruckprofil, Massetemperatur, Werkzeugtemperatur und Zykluszeit. In einem Presswerk Presskraft, Hubgeschwindigkeit und Ziehtiefe. In einer Montagelinie Drehmomente, Einpresstiefe und Prüfkräfte. Die Erfassung erfolgt über Maschinensensoren, SPS-Signale oder OPC-UA-Schnittstellen.

Schritt 2: Vergleichen. Die gemessenen Werte werden gegen Sollwerte und Toleranzgrenzen verglichen. Bei SPC geschieht das über Regelkarten mit Eingriffsgrenzen (±3σ). Bei automatisierter Prozesskontrolle über fest definierte Alarmschwellen. Entscheidend: Die Grenzen müssen aus dem Prozess abgeleitet sein, nicht aus den Zeichnungstoleranzen.

Schritt 3: Eingreifen. Bei einer Abweichung wird korrigiert. Das kann automatisch geschehen (ein PID-Regler passt die Temperatur an) oder manuell (ein Bediener wird alarmiert und verstellt einen Parameter). In der diskreten Fertigung überwiegen manuelle Eingriffe, unterstützt durch automatische Alarme und Eskalationen.

Schritt 4: Verifizieren. Nach dem Eingriff wird geprüft, ob die Korrektur gewirkt hat. Ohne diesen Schritt ist der Regelkreis offen und die Prozesskontrolle wirkungslos. Genau hier scheitern viele Betriebe: Die Abweichung wird erkannt, eine Maßnahme wird eingeleitet, aber niemand überprüft, ob der Prozess danach wieder stabil läuft.


Methoden der Prozesskontrolle in der diskreten Fertigung

Je nach Fertigungsart und Automatisierungsgrad kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz. In der Praxis werden sie oft kombiniert.

Statistische Prozesskontrolle (SPC). SPC überwacht Qualitätsmerkmale über Regelkarten und unterscheidet zwischen zufälligen und systematischen Schwankungen. Sie zeigt, wann ein Eingriff gerechtfertigt ist und wann nicht. SPC eignet sich für messbare Merkmale mit ausreichender Stichprobengröße und ist in der Automobilindustrie über IATF 16949 faktisch vorgeschrieben.

Prozessparameterüberwachung. Maschinenparameter werden in Echtzeit erfasst und gegen definierte Grenzen geprüft. In einer Spritzgussmaschine überwacht die Maschinensteuerung bereits intern Werte wie Einspritzdruck und Dosierweg. Ein MES aggregiert diese Daten maschinenübergreifend und korreliert sie mit Auftrags-, Chargen- und Qualitätsdaten. Das liefert eine Dimension, die die einzelne Maschinensteuerung nicht bieten kann: die Antwort auf die Frage, ob eine Prozessverschiebung auftragsspezifisch, materialspezifisch oder maschinenspezifisch ist.

100%-Inline-Prüfung. Jedes Teil wird während oder unmittelbar nach der Bearbeitung geprüft. Typisch bei sicherheitskritischen Merkmalen: Schweißnahtprüfung per Ultraschall, Dichtheitsprüfung, Drehmomentüberwachung. Die Prüfung ist Teil des Prozesses, nicht ein nachgelagerter Schritt. Bei Neoperl (Montageautomaten) werden SPS-Alarme automatisch mit Stillständen und Qualitätsdefekten korreliert. Die Anlage begründet technische Stillstände selbst, ohne Eingriff der Mitarbeitenden. Ergebnis: 15 % weniger Ausschuss durch systematische Qualitätsdaten-Auswertung.

Manuelle Prozesskontrolle. Der Bediener misst Stichproben mit Handmessmitteln (Messschieber, Bügelmessschraube, Lehre) und trägt Werte in Prüfprotokolle ein. In vielen Betrieben immer noch Standard. Das Problem: Erfassungsverzögerung (Messung alle 30 Minuten statt kontinuierlich), Eingabefehler und fehlende Mustererkennung. Die Ergebnisse werden erst ausgewertet, wenn die Schicht vorbei ist.


Warum Prozesskontrolle in der Praxis scheitert

Die meisten Betriebe haben irgendeine Form von Prozesskontrolle. Trotzdem liegt die Ausschussquote in vielen Fertigungen bei 2 bis 5 %, obwohl sie unter 1 % liegen könnte. Die Ursachen sind weniger technisch als organisatorisch.

Offener Regelkreis. Daten werden erfasst, aber nicht systematisch ausgewertet. Regelkarten hängen an der Maschine, aber niemand wertet die Muster aus. Alarme werden quittiert, aber die Ursache wird nicht analysiert. Die Prozesskontrolle erzeugt Daten, aber keine Handlung.

Reaktive statt präventive Orientierung. Die meisten Eingriffe erfolgen erst, wenn ein Ausschussteil produziert wurde. Prozesskontrolle soll Abweichungen erkennen, bevor das Produkt fehlerhaft ist. Das erfordert Vorlaufindikatoren (Prozessparameter, die sich vor dem Qualitätsproblem verändern), nicht Nachlaufindikatoren (Ausschusszahlen am Schichtende).

Isolierte Datenhaltung. Die SPS speichert Maschinenparameter. Das Qualitätssystem speichert Prüfergebnisse. Das ERP speichert Auftragsdaten. Aber die drei Systeme sprechen nicht miteinander. Wenn eine Regelkarte eine Verschiebung zeigt, muss der Qualitätsingenieur manuell recherchieren, welche Charge betroffen war, welcher Bediener an der Maschine stand und ob der Materiallieferant gewechselt hat. Ohne integrierte Betriebsdatenerfassung bleibt die Ursachenanalyse Detektivarbeit.

Fehlende Eskalationslogik. Wer wird bei welcher Abweichung informiert? Wer entscheidet über einen Maschinenstopp? Wie lange darf eine erkannte Abweichung bestehen, bevor eskaliert wird? In vielen Betrieben sind diese Regeln nicht definiert. Das Ergebnis: Der Bediener sieht die Abweichung, traut sich aber nicht, die Maschine anzuhalten, weil die Stückzahlvorgabe Priorität hat.


Prozesskontrolle mit Echtzeit-Daten: Vom Papierprotokoll zum geschlossenen Regelkreis

Der Unterschied zwischen Prozesskontrolle auf Papier und Prozesskontrolle mit einem MES ist nicht die Menge der Daten, sondern die Geschwindigkeit des Regelkreises. Auf Papier dauert der Zyklus Messen-Vergleichen-Eingreifen Stunden bis Tage. Mit automatischer Erfassung und Echtzeit-Auswertung dauert er Sekunden bis Minuten.

Bei Carcoustics (Spritzguss, Kaltschäumen, Stanzen) wurde die Maschinendatenerfassung über IXON IoT-Geräte und MQTT-Protokoll in Microsoft Azure umgesetzt. Die konzernweite Analyse von Performance-Kennzahlen über 500+ Anlagen zeigte erstmals, welche Werke bei vergleichbaren Prozessen systematisch besser oder schlechter performen. Ergebnis nach 6 Monaten: 4 % weniger Stillstände, 3 % mehr Ausbringung, 8 % höhere Verfügbarkeit.

Bei Klocke (Pharma-Verpackung, GMP-Umfeld) werden Stückzahlen und Stillstände über DI-Gateways erfasst, ohne LAN-Infrastruktur. Die unidirektionale Anbindung an das Navision-ERP über eine Dateischnittstelle stellt sicher, dass Auftragszustände und Stammdaten automatisch zugeordnet werden. Innerhalb von 3 Wochen wurde die Lösung auf alle Linien am Standort Weingarten skaliert. Ergebnisse: 7 Stunden zusätzliche Produktionszeit pro Woche, 12 % Verbesserung der Ausbringung, 8 % höhere Verfügbarkeit. Im regulierten Umfeld ist besonders relevant, dass alle Prozessdaten automatisch dokumentiert und rückverfolgbar sind.

Der entscheidende Punkt: Prozesskontrolle funktioniert nur, wenn der Regelkreis geschlossen ist. Automatische Erfassung ohne automatische Auswertung ist Datensammeln. Automatische Auswertung ohne definierte Reaktion ist Monitoring. Erst wenn Erfassung, Auswertung, Alarm und Maßnahme ineinandergreifen, entsteht Prozesskontrolle im eigentlichen Sinne.


Prozesskontrolle nach Branche

Die Anforderungen an Prozesskontrolle unterscheiden sich je nach Branche erheblich, sowohl regulatorisch als auch technisch.

Branche Regulatorischer Rahmen Typische Prozesskontrollmethoden Besonderheit
Automotive IATF 16949, VDA, AIAG Core Tools SPC, FMEA, Inline-Prüfung, Prozessparameterüberwachung Cpk-Nachweise für sicherheitskritische Merkmale, Rückverfolgbarkeit
Pharma / Lebensmittel GMP, FDA 21 CFR Part 11, HACCP Chargenprotokollierung, In-Prozess-Kontrolle (IPC), Umgebungsüberwachung Validierte Prozesse, lückenlose Dokumentation, Chargenfreigabe
Metallverarbeitung ISO 9001, kundenspezifische Anforderungen Kraftüberwachung, Werkzeugverschleißanalyse, OEE-Tracking Hohe Variantenvielfalt, frequente Rüstvorgänge
Kunststoffverarbeitung ISO 9001, branchenspezifisch Maschinenparameterüberwachung (Druck, Temperatur, Dosierweg), SPC Viele Stellparameter pro Maschine (20+), Materialstreuung

In der Automobilindustrie ist Prozesskontrolle über die Core Tools (SPC, MSA, FMEA, APQP, PPAP) normativ verankert. In der Pharma-Verpackung steht die GMP-konforme Dokumentation im Vordergrund. In der Metallverarbeitung und Kunststoffverarbeitung hängt der Umfang der Prozesskontrolle stark vom Kundendruck und der eigenen Qualitätskultur ab.


Häufige Fragen zur Prozesskontrolle

Was ist Prozesskontrolle in der Fertigung?
Prozesskontrolle ist die systematische Überwachung und Steuerung von Fertigungsprozessen mit dem Ziel, definierte Prozessparameter innerhalb festgelegter Grenzen zu halten. Sie erkennt Abweichungen im laufenden Prozess und korrigiert sie, bevor fehlerhafte Produkte entstehen. Prozesskontrolle ist präventiv und prozessorientiert, im Gegensatz zur Qualitätskontrolle, die fertige Produkte nachträglich prüft.

Was ist der Unterschied zwischen Prozesskontrolle und Qualitätskontrolle?
Prozesskontrolle überwacht den laufenden Prozess in Echtzeit und greift bei Abweichungen ein, bevor fehlerhafte Teile entstehen. Qualitätskontrolle prüft fertige Produkte am End-of-Line und sortiert fehlerhafte Teile aus. Prozesskontrolle ist präventiv, Qualitätskontrolle ist reaktiv. In der Praxis ergänzen sich beide Ansätze.

Welche Methoden der Prozesskontrolle gibt es?
Die wichtigsten Methoden in der diskreten Fertigung sind: Statistische Prozesskontrolle (SPC) mit Regelkarten, Prozessparameterüberwachung in Echtzeit über MES und SPS-Anbindung, 100%-Inline-Prüfung für sicherheitskritische Merkmale und manuelle Stichprobenprüfung mit Handmessmitteln. Die Wahl der Methode hängt von der Fertigungsart, dem Automatisierungsgrad und den regulatorischen Anforderungen ab.

Warum scheitert Prozesskontrolle in vielen Betrieben?
Die häufigsten Ursachen sind: offener Regelkreis (Daten werden erfasst, aber nicht ausgewertet), reaktive statt präventive Orientierung, isolierte Datenhaltung zwischen SPS, Qualitätssystem und ERP, sowie fehlende Eskalationslogik (keine definierten Regeln, wer bei welcher Abweichung handelt).

Wie unterstützt ein MES die Prozesskontrolle?
Ein MES erfasst Maschinenzustände, Prozessparameter und Qualitätsdaten automatisch und in Echtzeit. Es verknüpft diese Daten mit Auftrags-, Chargen- und Bedienerdaten. Dadurch verkürzt sich der Regelkreis von Stunden auf Minuten: Abweichungen werden sofort erkannt, Alarme automatisch ausgelöst und die Ursachenanalyse durch korrelierte Daten erheblich beschleunigt.

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