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Data Transparency: Vertrauenswürdige Daten in der Fertigung

Von Christian Fieg · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was ist Data Transparency in der Fertigung?

Data Transparency (Datentransparenz) beschreibt in der Fertigung den Zustand, in dem Produktionsdaten vollständig, korrekt, konsistent und für alle Beteiligten zugänglich sind. Es geht nicht nur darum, Daten auf einem Dashboard anzuzeigen (Manufacturing Visibility), sondern darum, dass die angezeigten Daten stimmen und von allen Beteiligten gleich verstanden werden.

Der Unterschied ist erheblich. Manufacturing Visibility beantwortet die Frage: "Kann ich sehen, was in der Produktion passiert?" Data Transparency beantwortet die Frage: "Kann ich den Zahlen vertrauen, die ich sehe?"

In den meisten Fertigungen lautet die ehrliche Antwort auf die zweite Frage: Nein. Der Produktionsleiter meldet eine OEE von 72 %. Das ERP zeigt auf Basis der Rückmeldungen 68 %. Die Excel-Auswertung des Schichtleiters kommt auf 76 %. Alle drei Zahlen beschreiben denselben Zeitraum, dieselben Maschinen, dieselbe Schicht. Aber sie sind unterschiedlich, weil sie auf unterschiedlichen Datenquellen, unterschiedlichen Definitionen und unterschiedlichen Erfassungsmethoden basieren.

Data Transparency ist der Zustand, in dem es nur noch eine Zahl gibt, weil es nur noch eine Datenquelle, eine Definition und eine Erfassungsmethode gibt.


Warum Produktionsdaten so oft nicht stimmen: Die fünf Fehlerquellen

Die Ursachen für unzuverlässige Produktionsdaten sind in den meisten Fertigungen dieselben. Sie lassen sich in fünf Kategorien einteilen:

Fehlerquelle Was passiert Konkretes Beispiel
1. Manuelle Erfassung Daten werden vom Bediener eingetragen: Stückzahlen, Stillstände, Ausschuss. Die Eingabe erfolgt verzögert, gerundet oder geschätzt. Der Bediener schreibt am Schichtende "450 Stück, 20 Min. Stillstand". In Wirklichkeit waren es 437 Stück und 34 Minuten Stillstand (in 7 Einzelereignissen, von denen 3 unter 2 Minuten lagen und nicht notiert wurden).
2. Unterschiedliche Definitionen Dieselbe Kennzahl wird in verschiedenen Werken oder Abteilungen anders berechnet. Werk A rechnet geplante Wartung aus der OEE-Verfügbarkeit heraus. Werk B nicht. Werk A meldet 78 % OEE, Werk B meldet 65 %. Der Unterschied ist kein Leistungsunterschied, sondern ein Definitionsunterschied.
3. Zeitversatz Daten werden nicht in Echtzeit erfasst, sondern stunden- oder tageweise rückgemeldet. Der Schichtleiter erstellt den Produktionsbericht am nächsten Morgen. Stillstände, die am Vorabend auftraten, werden aus dem Gedächtnis rekonstruiert. Die Genauigkeit liegt bei bestenfalls 70 %.
4. Systembrüche Daten existieren in mehreren Systemen (SPS, SCADA, MES, ERP, Excel), die nicht synchronisiert sind. Die Stückzahl im MES weicht von der Stückzahl im ERP ab, weil das ERP nur die Gutmenge nach Qualitätsprüfung zählt, das MES aber alle produzierten Teile. Beide Zahlen sind "korrekt", aber sie messen verschiedene Dinge.
5. Fehlende Kontextualisierung Rohdaten existieren, aber sie sind nicht mit dem Auftrag, dem Produkt, der Schicht oder dem Bediener verknüpft. Die Maschine meldet 12 Stillstände in 8 Stunden. Aber niemand weiß, welche Stillstände während Auftrag A und welche während Auftrag B auftraten. Die OEE kann nicht pro Auftrag berechnet werden.

Das Ergebnis dieser fünf Fehlerquellen: Die Produktionsbesprechung beginnt nicht mit "Was können wir verbessern?", sondern mit "Welche Zahlen stimmen überhaupt?" Die ersten 20 Minuten jedes Meetings gehen für Datendiskussionen drauf. Das ist nicht Transparenz. Das ist organisierte Unsicherheit.


Data Transparency vs. Manufacturing Visibility: Wo liegt der Unterschied?

Die beiden Begriffe werden oft synonym verwendet. Sie beschreiben aber unterschiedliche Ebenen:

Kriterium Manufacturing Visibility Data Transparency
Kernfrage "Kann ich sehen, was passiert?" "Kann ich den Daten vertrauen?"
Fokus Sichtbarkeit: Maschinenstatus, Stückzahlen, OEE auf dem Dashboard. Datenqualität: Vollständigkeit, Korrektheit, Konsistenz, Kontextualisierung.
Typisches Problem "Wir wissen nicht, welche Maschinen gerade stehen." "Wir haben drei verschiedene OEE-Zahlen für dieselbe Linie."
Lösung Echtzeit-Dashboards, Maschinendatenerfassung, Shopfloor Management. Automatische Erfassung, einheitliche KPI-Definitionen, eine Datenquelle für alle.
Reihenfolge Kommt oft zuerst: "Erstmal sehen, was passiert." Kommt direkt danach: "Jetzt sicherstellen, dass die Zahlen stimmen."

In der Praxis passiert beides gleichzeitig, wenn man ein MES mit automatischer Maschinendatenerfassung einführt. Die Maschine liefert das Signal (Visibility), das MES berechnet die Kennzahl nach einer einheitlichen Definition (Transparency). Aber die Unterscheidung hilft, weil sie erklärt, warum manche Unternehmen trotz installierter Dashboards immer noch über Zahlen streiten: Sie haben Visibility, aber keine Transparency.


Wie Datentransparenz in der Praxis entsteht: Drei Kundenbeispiele

Schmiedetechnik Plettenberg (Metallverarbeitung): Das Kernproblem war nicht fehlende Sichtbarkeit, sondern fehlende Datenkonsistenz: "Produktionsdaten wurden überwiegend manuell erfasst, Maschinenzustände waren nur begrenzt sichtbar und Abweichungen wurden oft erst im Nachgang erkannt." Die manuelle Erfassung (Fehlerquelle 1) und der Zeitversatz (Fehlerquelle 3) führten dazu, dass "die Verbindung zwischen Fertigungsplanung und tatsächlicher Ausführung nicht konsistent" war. Die Lösung: Automatische Maschinendatenerfassung plus ERP-Integration mit InforCOM. "Sobald ein Fertigungsauftrag im ERP freigegeben wird, stehen alle relevanten Arbeitsgänge, Maschineninformationen und Zeitdaten automatisch in SYMESTIC bereit." Das eliminiert Fehlerquelle 1 (manuelle Erfassung), 3 (Zeitversatz) und 4 (Systembrüche). Ergebnis: "Alle Beteiligten, von der Schichtführung bis zur Produktionsleitung, erhielten eine gemeinsame und verlässliche Sicht auf die laufenden Prozesse."

Meleghy Automotive (6 Werke, Automotive): Bei 6 Werken in 4 Ländern ist Fehlerquelle 2 (unterschiedliche Definitionen) das größte Problem. Wenn jedes Werk seine OEE anders berechnet, ist ein Werksvergleich wertlos. Meleghy löste das durch ein einheitliches System für alle Werke: "OEE-Erfassung an den wichtigsten Prozessschritten in allen Werken." Bidirektionale SAP-Anbindung über ABAP IDoc. Damit gibt es eine OEE-Definition, eine Datenquelle, ein Dashboard für alle 6 Werke. Der Konzerncontroller kann Wilnsdorf mit Miskolc vergleichen und weiß, dass die Zahlen auf derselben Basis stehen. "Modularer Baukasten von SYMESTIC ermöglicht eigenständige Skalierung durch Meleghy."

Neoperl (Building, Montagemaschinen): Neoperl adressiert Fehlerquelle 5 (fehlende Kontextualisierung) auf eine ungewöhnliche Weise: "SPS-basierte Alarmerfassung und automatische Stillstandsüberwachung. Begründung technischer Stillstände durch die Anlage ohne Eingriff der Mitarbeitenden." Die Maschine liefert nicht nur "ich stehe", sondern "ich stehe wegen Alarm X". Dazu: "Korrelation von SPS-Alarmen mit Stillständen und Qualitätsdefekten." Das ist Data Transparency auf hohem Niveau: Nicht nur die Kennzahl ist korrekt, sondern die Ursache ist automatisch mit dem Ereignis verknüpft. Ergebnisse: "10 % weniger Stillstände. 15 % weniger Ausschuss. 15 % Produktivitätsgewinn."


Was ein MES für Datentransparenz leisten muss

Ein MES ist das System, das Data Transparency technisch umsetzt. Aber nicht jedes MES löst alle fünf Fehlerquellen. Die folgende Tabelle zeigt, welche MES-Funktion welche Fehlerquelle adressiert:

Fehlerquelle MES-Funktion, die sie löst Voraussetzung
1. Manuelle Erfassung Automatische Maschinendatenerfassung (MDE) über IoT-Gateways oder OPC UA. IoT-Gateway pro Maschine. Bei Bestandsanlagen: Digitale Signalerfassung ohne SPS-Eingriff.
2. Unterschiedliche Definitionen Zentrale KPI-Definitionen im MES. Eine OEE-Formel für alle Werke, konfigurierbar, aber einheitlich. Organisatorische Entscheidung: Alle Werke nutzen dieselbe KPI-Definition. Cloud-MES als einheitliche Plattform.
3. Zeitversatz Echtzeiterfassung: Maschinensignale werden in Sekunden verarbeitet, nicht in Stunden rückgemeldet. Direkte Maschinenanbindung (kein manueller Zwischenschritt). Netzwerk- oder Mobilfunkverbindung zum Gateway.
4. Systembrüche Bidirektionale ERP-Integration: Auftragsdaten kommen aus dem ERP, Rückmeldungen gehen zurück ins ERP. ERP-Schnittstelle (SAP IDoc, REST API, Dateischnittstelle). Mapping von MES-Datenmodell auf ERP-Datenmodell.
5. Fehlende Kontextualisierung Fertigungssteuerung: Das MES verknüpft Maschinendaten automatisch mit dem laufenden Auftrag, dem Produkt und der Schicht. Auftragsdaten im MES (aus ERP oder manuell angelegt). Maschinen-Auftrags-Zuordnung konfiguriert.

Erst wenn alle fünf Fehlerquellen adressiert sind, existiert echte Data Transparency. Dann gibt es für jede Kennzahl eine Quelle, eine Definition und einen Wert. Das Produktionsmeeting beginnt nicht mehr mit "Welche Zahlen stimmen?", sondern mit "Was machen wir mit dem, was wir sehen?"


Häufige Fragen zu Data Transparency

Ist Data Transparency dasselbe wie Manufacturing Visibility?

Nein. Manufacturing Visibility ist die Fähigkeit, den Zustand der Produktion zu sehen (Dashboards, Echtzeit-Status, KPIs). Data Transparency ist die Qualität der Daten, die angezeigt werden: Sind sie vollständig, korrekt, konsistent, kontextualisiert? Man kann Visibility haben ohne Transparency (Dashboard mit falschen Zahlen). Man kann Transparency haben ohne Visibility (korrekte Daten, die niemand sieht). Beides zusammen ergibt vertrauenswürdige Echtzeit-Transparenz.

Warum zeigen verschiedene Systeme unterschiedliche OEE-Werte?

Weil die OEE-Berechnung von drei Variablen abhängt, die unterschiedlich definiert werden können: (1) Was zählt als "geplante Produktionszeit"? (2) Was ist die "Soll-Zykluszeit"? (3) Was zählt als "Gutteil"? Wenn das MES geplante Wartung aus der Produktionszeit herausrechnet und das ERP nicht, ergeben sich verschiedene Verfügbarkeitswerte. Wenn das MES die theoretische Zykluszeit aus dem Arbeitsplan nimmt und der Schichtleiter den Durchschnitt der letzten Woche, ergeben sich verschiedene Leistungswerte. Data Transparency bedeutet: Eine Definition, ein System, ein Wert.

Brauche ich ein MES für Data Transparency?

Für vollständige Data Transparency ja. Einzelne Fehlerquellen lassen sich auch ohne MES adressieren: Automatische Maschinendatenerfassung über ein IoT-Tool löst Fehlerquelle 1 und 3. Aber die Kontextualisierung (welcher Auftrag, welches Produkt, welche Schicht) und die einheitliche KPI-Berechnung erfordern ein System, das Maschinendaten mit Auftragsdaten verbindet. Das ist die Kernfunktion eines MES.

Wie lange dauert es, Data Transparency herzustellen?

Die automatische Maschinendatenerfassung (Fehlerquelle 1 und 3) ist in Stunden bis Tagen pro Maschine umsetzbar. Bei Klocke wurde die Skalierung auf alle Linien am Standort "innerhalb von nur 3 Wochen" umgesetzt. Die ERP-Integration (Fehlerquelle 4 und 5) dauert typischerweise 1-3 Monate, abhängig vom ERP-System. Die organisatorische Einigung auf einheitliche KPI-Definitionen (Fehlerquelle 2) ist oft der längste Schritt, weil er nicht technisch, sondern politisch ist: Welches Werk muss seine OEE-Definition ändern?

Was hat Data Transparency mit Stillstandsanalyse zu tun?

Stillstandsanalyse ist der häufigste Anwendungsfall, an dem fehlende Data Transparency sichtbar wird. Die Maschine stand 47 Minuten. Aber warum? Bei manueller Erfassung schreibt der Bediener "Materialengpass". In Wirklichkeit waren es 3 verschiedene Ursachen: 20 Minuten Materialwarten, 15 Minuten Rüsten, 12 Minuten ungeplante Wartung. Die Stillstandsanalyse ist nur so gut wie die Daten, die sie füttert. Ohne Data Transparency (automatische Erfassung, korrekte Zuordnung) bleibt jede Stillstandsanalyse eine Schätzung.

Christian Fieg
Über den Autor:
Christian Fieg
Head of Sales bei SYMESTIC. Zuvor iTAC, Dürr, Visteon, Johnson Controls. Six Sigma Black Belt. Autor von "OEE: Eine Zahl, viele Lügen".
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