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Heijunka - Definition, Erklärung und Anwendung

Von Christian Fieg · Zuletzt aktualisiert: März 2026

Was ist Heijunka?

Heijunka (平準化, japanisch für "Nivellierung") ist eine Lean-Methode zur Produktionsglättung. Statt große Lose eines Produkts nacheinander zu fertigen, werden kleine Lose verschiedener Produkte gleichmäßig über den Produktionszeitraum verteilt. Das Ziel: ein gleichmässiger Rhythmus, der Schwankungen in Volumen und Produktmix eliminiert.

Die Idee stammt aus dem Toyota Production System. Toyota hat früh erkannt, dass schwankende Produktionsprogramme eine Kettenreaktion auslösen: Montag produziert die Presse nur Artikel A (großes Los), Dienstag nur Artikel B. Das bedeutet: Am Montag braucht die Presse nur Material für A, am Dienstag nur für B. Die vorgelagerten Prozesse (Logistik, Zulieferer) schwanken mit. Die Mitarbeiter sind montags überlastet, dienstags warten sie. Die Bestände schwanken. Die gesamte Wertschöpfungskette wird instabil.

Heijunka löst das, indem die Produktion nivelliert wird: Statt AAAAA am Montag und BBBBB am Dienstag wird jeden Tag AABBA produziert. Derselbe Output, aber gleichmäßig verteilt. Die Voraussetzung dafür: Rüstzeiten müssen kurz genug sein, damit häufige Produktwechsel wirtschaftlich sind.


Heijunka in der Praxis: Beispiel Presswerk

Ein Presswerk produziert drei Artikel (A, B, C) auf einer Pressenlinie. Die Wochennachfrage:

Artikel Wochennachfrage Anteil
A 5.000 Teile 50 %
B 3.000 Teile 30 %
C 2.000 Teile 20 %
Gesamt 10.000 Teile 100 %

Ohne Heijunka (grosse Lose):

Tag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
Produktion 2.500 × A 2.500 × A 3.000 × B 2.000 × C Puffer/Wartung
Rüstvorgänge 0 0 1 (A→B) 1 (B→C) 0

Ergebnis: Nur 2 Rüstvorgänge pro Woche. Aber: Artikel C ist erst Donnerstag fertig. Wenn ein Kunde C am Dienstag braucht, muss ein Fertigwarenlager vorgehalten werden. Die Logistik muss am Mittwoch das gesamte Material für B bereitstellen, am Donnerstag für C. Die Belastung schwankt.

Mit Heijunka (nivelliert):

Tag Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag
Produktion 1.000A + 600B + 400C 1.000A + 600B + 400C 1.000A + 600B + 400C 1.000A + 600B + 400C 1.000A + 600B + 400C
Rüstvorgänge 2 (A→B, B→C) 2 2 2 2

Ergebnis: 10 Rüstvorgänge pro Woche statt 2. Aber: Jeden Tag sind alle drei Artikel verfügbar. Das Fertigwarenlager schrumpft. Die Materialbereitstellung ist jeden Tag gleich. Die Mitarbeiter machen jeden Tag dasselbe. Die Belastung ist konstant.

Der Haken: 10 Rüstvorgänge statt 2. Wenn ein Rüstvorgang 45 Minuten dauert, gehen pro Woche 450 Minuten für Rüsten drauf statt 90 Minuten. Das sind 6 Stunden mehr. Heijunka funktioniert nur, wenn die Rüstzeiten so weit gesenkt werden, dass der Mehraufwand durch häufigere Wechsel die Vorteile nicht auffrisst. Genau deshalb ist SMED (Rüstzeitreduzierung) die zwingende Voraussetzung für Heijunka.


Volumen-Heijunka vs. Mix-Heijunka

Typ Was wird nivelliert? Beispiel Voraussetzung
Volumen-Heijunka Die Gesamtmenge pro Tag. Statt 3.000 Teile am Montag und 1.000 am Freitag: jeden Tag 2.000. Wochennachfrage 10.000 Teile → 2.000 pro Tag, unabhängig davon, wann die Kundenaufträge eingehen. Kleiner Fertigwarenpuffer, um tägliche Nachfrageschwankungen auszugleichen.
Mix-Heijunka Der Produktmix pro Tag. Statt "nur A am Montag": jeden Tag A, B und C in gleichem Verhältnis. 50 % A, 30 % B, 20 % C → jeden Tag im Verhältnis 5:3:2 produzieren. Kurze Rüstzeiten (SMED). Flexible Maschinen. Standardisierte Rüstprozesse.

In der Praxis werden beide Typen kombiniert. Erst wird das Volumen geglättet (gleiche Tagesmenge), dann der Mix (gleiche Produktverteilung pro Tag). Das vollständig nivellierte Programm ist das Ziel. In vielen Unternehmen wird Volumen-Heijunka als erster Schritt umgesetzt, weil es keine Rüstzeitreduzierung erfordert, und Mix-Heijunka folgt, sobald die Rüstzeiten kurz genug sind.


Warum Heijunka in der Praxis scheitert

1. Rüstzeiten sind zu lang. Das ist der häufigste Grund. Wenn ein Rüstvorgang 45 Minuten dauert und Heijunka den Rüstaufwand von 2 auf 10 pro Woche erhöht, gehen 6 zusätzliche Stunden pro Woche verloren. Bei einer verfügbaren Produktionszeit von 40 Stunden sind das 15 % der Kapazität. Ohne SMED ist Heijunka ein Kapazitätskiller.

2. Die Feinplanung kann die Sequenz nicht umsetzen. Der Heijunka-Plan sagt: "1.000A, dann 600B, dann 400C." Aber die Feinplanung plant weiterhin große Lose, weil das ERP-System auf Losgrößen-Optimierung eingestellt ist. Oder der Meister plant manuell und weicht vom Heijunka-Plan ab, weil "wir schon mal beim Rüsten sind, dann machen wir gleich das ganze Los fertig." Heijunka braucht eine Feinplanung, die die nivellierte Sequenz erzwingt.

3. Keine Daten über die tatsächlichen Rüstzeiten. Der Heijunka-Plan basiert auf der Annahme, dass ein Rüstvorgang 12 Minuten dauert (nach SMED). In der Praxis dauert er 22 Minuten, weil das Werkzeug nicht bereitliegt, die Dokumentation fehlt oder der Einrichter den neuen Standard nicht kennt. Ohne automatische Rüstzeiterfassung bleibt diese Abweichung unsichtbar. Der Plan stimmt, die Realität nicht.

4. Die vorgelagerten Prozesse ziehen nicht mit. Die Pressenlinie ist nivelliert. Aber die Logistik liefert Material weiterhin in großen Losen (einmal pro Tag statt dreimal). Die Rohmaterial-Bereitstellung ist nicht auf den Heijunka-Rhythmus abgestimmt. Ergebnis: Die Presse steht, weil Material für Artikel B fehlt, obwohl der Plan den Wechsel vorsieht.


Heijunka, Rüstzeiten und OEE

Heijunka steht in einem direkten Spannungsverhältnis zur OEE. Häufigere Produktwechsel bedeuten mehr Rüstvorgänge. Mehr Rüstvorgänge reduzieren die Verfügbarkeit (OEE-Faktor 1). Das heißt: Eine Fabrik, die Heijunka einführt, wird ihre OEE kurzfristig sinken sehen, wenn die Rüstzeiten nicht gleichzeitig reduziert werden.

Szenario Rüstvorgänge / Woche Rüstzeit pro Vorgang Rüstzeit gesamt / Woche Rüstzeitverlust (bei 40 h/Woche)
Große Lose, ohne SMED 2 45 min 90 min 3,8 %
Heijunka, ohne SMED 10 45 min 450 min 18,8 %
Heijunka, mit SMED (Stufe 1) 10 15 min 150 min 6,3 %
Heijunka, mit SMED (Stufe 2) 10 8 min 80 min 3,3 %

Die Tabelle zeigt: Heijunka ohne SMED ist ein Verlustgeschäft (18,8 % Rüstzeitverlust). Heijunka mit SMED Stufe 2 (8 Minuten pro Rüstvorgang) ist sogar besser als große Lose ohne SMED (3,3 % vs. 3,8 %). Der Gewinn liegt nicht in der Rüstzeit selbst, sondern in allem anderen: weniger Bestände, gleichmäßigere Belastung, bessere Liefertreue, stabilere Qualität.

SYMESTIC erfasst Rüstzeiten automatisch als Teil der Stillstandserfassung. Jeder Rüstvorgang wird mit Zeitstempel, Dauer, Maschine und Auftragswechsel dokumentiert. Die Rüstzeit-Trendanalyse zeigt, ob SMED-Maßnahmen wirken. Das Stillstands-Pareto zeigt, wie groß der Rüstanteil an der Gesamtstillstandszeit ist. Ohne diese Daten bleibt die Frage "Können wir uns Heijunka leisten?" eine Schätzung.

Bei Carcoustics wurde die "digitale Unterstützung von Rüstprozessen" über SYMESTIC umgesetzt, zusammen mit der konzernweiten Analyse der Performance-Kennzahlen über 500+ Anlagen. Das Ergebnis: 4 % Reduktion von Stillstandszeiten, 8 % Verbesserung der Verfügbarkeit. Beides sind direkte Ergebnisse davon, dass Rüstprozesse transparent und damit optimierbar wurden.


Häufige Fragen zu Heijunka

Was ist ein Heijunka-Board?

Ein Heijunka-Board (Heijunka-Kasten, Heijunka-Box) ist eine physische oder digitale Tafel, die die geplante Produktionssequenz visualisiert. Die Spalten zeigen Zeitintervalle (z. B. Stunden oder Pitch-Intervalle), die Zeilen zeigen Produktvarianten. In die Felder werden Kanban-Karten oder Auftragszettel gesteckt, die anzeigen, welches Produkt im jeweiligen Intervall produziert wird. Ein digitaler Feinplanungsleitstand übernimmt dieselbe Funktion: Er zeigt die nivellierte Auftragssequenz pro Maschine, pro Schicht, pro Tag.

Was ist der Unterschied zwischen Heijunka und Kanban?

Heijunka ist die Planung: Welche Produkte werden in welcher Reihenfolge produziert? Kanban ist die Steuerung: Wann wird produziert (nämlich wenn der nachgelagerte Prozess Material verbraucht hat)? Heijunka definiert das Programm, Kanban steuert den Materialfluss. Beide gehören zusammen: Heijunka ohne Kanban führt zu Überproduktion (das Programm wird produziert, egal ob der Kunde verbraucht hat). Kanban ohne Heijunka führt zu Schwankungen (der Materialfluss folgt der ungeglätteten Nachfrage).

Funktioniert Heijunka auch bei stark schwankender Nachfrage?

Bedingt. Heijunka glättet die Produktion auf Basis einer durchschnittlichen Nachfrage. Wenn die tatsächliche Nachfrage stark schwankt (z. B. saisonale Produkte), wird ein Fertigwarenpuffer benötigt, der die Differenz zwischen der nivellierten Produktion und der schwankenden Nachfrage ausgleicht. Je grösser die Schwankung, desto grösser der Puffer. Ab einem gewissen Punkt wird der Puffer teurer als der Nutzen der Nivellierung. In solchen Fällen wird Heijunka auf kürzere Nivellierungsperioden angepasst (wöchentlich statt monatlich) oder nur für den stabilen Nachfrageanteil angewendet.

Wie hängt Heijunka mit Takt Time zusammen?

Takt Time definiert, wie schnell produziert werden muss. Heijunka definiert, was in welcher Reihenfolge produziert wird. Zusammen ergeben sie den vollständigen Produktionsplan: Jeder Artikel hat eine Takt Time (basierend auf seiner Nachfrage und der verfügbaren Zeit). Heijunka verteilt die Artikel so über den Tag, dass die Gesamtproduktion im Takt bleibt. Wenn Artikel A eine Takt Time von 30 Sekunden hat und Artikel B 45 Sekunden, muss die Heijunka-Sequenz diese Unterschiede berücksichtigen, damit die Linie im Gesamttakt bleibt.

Wie hängt Heijunka mit einem MES zusammen?

Ein MES setzt die Heijunka-Sequenz in der Praxis um. Der Feinplanungsleitstand erstellt die nivellierte Auftragsreihenfolge (unter Berücksichtigung von Rüstzeiten, Materialverfügbarkeit und Kapazität). Die Fertigungssteuerung gibt die Aufträge in der geplanten Reihenfolge an den Shopfloor. Die Rüstzeiterfassung dokumentiert, ob die geplanten Rüstzeiten eingehalten werden. Die OEE-Analyse zeigt, ob die Nivellierung die Gesamteffizienz verbessert oder verschlechtert. Ohne MES-Daten bleibt Heijunka ein Plan auf Papier, dessen Einhaltung niemand überprüfen kann.

Christian Fieg
Über den Autor:
Christian Fieg
Head of Sales bei SYMESTIC. Zuvor iTAC, Dürr, Visteon. Six Sigma Black Belt. Autor von "OEE: Eine Zahl, viele Lügen".
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