Skip to content

Paperless Manufacturing: Definition, Vorteile und Einstieg

Martin Brandel MES Consultant & Projektleiter

Veröffentlicht Februar 2025Überarbeitet März 20269 Min. Lesezeit

Lernpfad Schritt 1 von 4
Inhalt
    Von Martin Brandel · Zuletzt aktualisiert: März 2026

    Was ist Paperless Manufacturing?

    Paperless Manufacturing beschreibt die Umstellung von papierbasierten Prozessen in der Fertigung auf digitale Systeme. Das Ziel: Alle produktionsrelevanten Informationen entstehen, fliessen und werden gespeichert, ohne dass ein Blatt Papier gedruckt, ausgefüllt oder abgeheftet wird.

    In der Theorie klingt das selbstverständlich. In der Praxis ist es das nicht. In den meisten produzierenden Unternehmen im DACH-Raum steckt Papier tief in den täglichen Abläufen. Schichtberichte werden handschriftlich ausgefüllt. Stillstände werden auf Klemmbrettern notiert. Prüfprotokolle werden ausgedruckt, unterschrieben und in Ordnern abgelegt. Arbeitsanweisungen hängen laminiert an der Maschine, oft in einer Version, die seit Monaten nicht mehr aktuell ist.

    Paperless Manufacturing bedeutet nicht, dass man einen Scanner kauft und alles digitalisiert. Es bedeutet, dass die Information von Anfang an digital entsteht: Die Maschine meldet ihren Status automatisch. Der Werker erfasst einen Stillstandsgrund am Shopfloor-Client statt auf Papier. Das Prüfprotokoll wird im System ausgefüllt, nicht auf einem Formular. Der Fertigungsauftrag kommt digital vom ERP auf den Bildschirm an der Linie, nicht als ausgedruckter Laufzettel.


    Wo steckt das Papier in der Fertigung?

    Wer Paperless Manufacturing umsetzen will, muss zuerst verstehen, wo Papier heute noch im Einsatz ist. Die Liste ist in den meisten Betrieben länger als erwartet.

    Schichtberichte und Übergabeprotokolle. Die Frühschicht schreibt auf, was gelaufen ist, was nicht gelaufen ist und was die Spätschicht beachten soll. In vielen Werken geschieht das auf vorgedruckten Formularen, handschriftlich. Die Information ist danach nur für denjenigen verfügbar, der den Zettel in der Hand hält. Auswertungen über Wochen oder Monate sind praktisch unmöglich.

    Stillstandserfassung. An der Maschine hängt ein Klemmbrett. Der Bediener notiert die Uhrzeit, den Stillstandsgrund und die Dauer. Am Ende der Schicht tippt jemand die Daten in Excel ein, wenn es gut läuft. In vielen Fällen werden die Zettel gesammelt und nie ausgewertet.

    Fertigungsaufträge und Laufzettel. Der Auftrag wird im ERP angelegt, ausgedruckt und als Laufzettel durch die Produktion geschickt. An jeder Station wird abgestempelt oder abgehakt. Wenn der Zettel verloren geht, geht die Information verloren. Wenn der Auftrag im ERP geändert wird, stimmt der Laufzettel nicht mehr.

    Prüfprotokolle und Qualitätsdokumentation. Prüfungen werden auf Papierformularen dokumentiert, unterschrieben und abgeheftet. Bei einem Audit muss jemand den richtigen Ordner finden. Eine Auswertung über Fehlerhäufigkeiten erfordert manuelles Durchblättern.

    Arbeitsanweisungen. Laminierte Blätter an der Maschine. Oft veraltet, weil der Änderungsprozess zu aufwendig ist: neues Dokument erstellen, drucken, laminieren, altes entfernen, an allen betroffenen Arbeitsplätzen austauschen. In der Praxis passiert das zu selten.

    Wartungsprotokolle. Wartungsarbeiten werden auf Papierchecklisten dokumentiert. Die Information landet in einem Ordner im Meisterbüro. Eine Auswertung, welche Maschine wie oft gewartet wurde und welche Probleme wiederkehren, ist aufwendig bis unmöglich.


    Was kostet Papier in der Fertigung wirklich?

    Die direkten Kosten für Papier, Drucker und Toner sind vernachlässigbar. Die indirekten Kosten sind erheblich.

    Zeitverlust durch manuelle Erfassung. Jede handschriftliche Eintragung, jedes Übertragen von Papier in Excel, jedes Suchen nach einem Formular kostet Zeit. Nicht viel pro einzelnem Vorgang, aber summiert über alle Schichten, alle Maschinen und alle Tage entsteht ein signifikanter Aufwand. In Betrieben mit 20 bis 50 Maschinen sind das typischerweise mehrere Vollzeitstellen, die ausschliesslich mit Datenerfassung und Datenübertragung beschäftigt sind.

    Informationsverlust. Papier ist flüchtig. Zettel gehen verloren, werden unleserlich, werden falsch abgelegt. Die Information, die auf Papier steht, ist für das Unternehmen nur dann nutzbar, wenn sie jemand findet und lesen kann. In der Praxis geht ein erheblicher Teil der erfassten Daten verloren, bevor er jemals ausgewertet wird.

    Verzögerung. Papierbasierte Prozesse sind langsam. Der Schichtbericht der Frühschicht ist frühestens am nächsten Morgen ausgewertet, oft erst am Ende der Woche. Eine Störung, die am Montag aufgetreten ist, wird im Schichtleiter-Meeting am Freitag besprochen. Vier Tage zu spät.

    Fehleranfälligkeit. Handschriftliche Eintragungen sind fehleranfällig. Zahlendreher, unleserliche Schrift, vergessene Einträge. Jeder Medienbruch, also jeder Übergang von Papier zu einem digitalen System, ist eine potenzielle Fehlerquelle.

    Fehlende Auswertbarkeit. Das ist der grösste Kostenfaktor, auch wenn er auf keiner Rechnung steht. Daten, die auf Papier existieren, lassen sich nicht aggregieren, nicht filtern, nicht über Zeiträume vergleichen. Ohne Auswertbarkeit gibt es keine systematische Verbesserung.


    Welche Systeme ersetzen das Papier?

    Paperless Manufacturing ist kein einzelnes Produkt, das man kauft. Es ist das Ergebnis davon, dass verschiedene Systeme die papierbasierten Prozesse ablösen.

    Papierprozess Digitale Ablösung System
    Stillstandsliste am Klemmbrett Automatische Maschinendatenerfassung MDE / IoT-Gateway
    Handschriftlicher Schichtbericht Digitales Schichtbuch MES
    Ausgedruckter Laufzettel Digitaler Fertigungsauftrag am Shopfloor-Client MES + ERP-Integration
    Prüfprotokoll auf Papier Digitale Prüferfassung MES / Q-System
    Laminierte Arbeitsanweisung Digitale Arbeitsanweisung am Bildschirm MES / Dokumentenmanagement
    Wartungscheckliste im Ordner Digitale Wartungsdokumentation MES / Instandhaltungssystem
    OEE-Berechnung in Excel Automatische OEE-Berechnung in Echtzeit MES mit OEE-Modul
    Stückzahl-Erfassung per Strichliste Automatischer Stückzähler via Maschinensignal MDE / IoT-Gateway

    Der gemeinsame Nenner: In allen Fällen übernimmt ein digitales System die Erfassung, Speicherung und Bereitstellung der Information. Die Daten entstehen am Ort des Geschehens, in Echtzeit, und sind sofort für alle Beteiligten verfügbar.


    Praxisbeispiel: Vom Papier zum digitalen Shopfloor

    Bei Klocke (Pharma-Verpackung, reguliertes Umfeld nach GMP) war die Ausgangssituation typisch für papierintensive Betriebe. Stückzahlen und Stillstände wurden manuell erfasst, auf Papier dokumentiert und am Ende der Schicht zusammengetragen.

    Die Umstellung erfolgte in drei Wochen. DI-Gateways (digitale I/O-Gateways) wurden an den Verpackungslinien installiert, ohne LAN-Infrastruktur, ohne SPS-Eingriff. Die Gateways erfassen automatisch Maschinensignale: läuft die Linie, steht sie, wie viele Einheiten wurden produziert.

    Stillstände, die vorher auf dem Papier verschwanden, wurden plötzlich messbar.

    Bei Schmiedetechnik Plettenberg (Metallverarbeitung, komplexe Schmiedeprozesse) war das Problem ähnlich: Produktionsdaten wurden überwiegend manuell erfasst, Maschinenzustände waren nur begrenzt sichtbar, Abweichungen wurden oft erst im Nachgang erkannt. Die Einführung begann mit der Anbindung der ersten Maschine in einem praxisorientierten Workshop. Bereits nach kurzer Zeit konnte das Team Echtzeitdaten zu Taktzeiten, Mengen und Stillständen einsehen. Das ERP InforCOM ist bidirektional angebunden. Wie digitale Workflows den Papierweg ersetzen, zeigt ein eigener Beitrag.


    Der typische Einstieg: Wo anfangen?

    Die meisten Unternehmen machen den Fehler, Paperless Manufacturing als Grossprojekt zu planen. Alle Prozesse gleichzeitig digitalisieren, alle Maschinen auf einmal anbinden, alle Formulare sofort abschaffen. Das funktioniert selten.

    Der pragmatische Weg besteht aus drei Phasen.

    Phase 1: Maschinendaten automatisieren. Das ist der Hebel mit dem grössten Effekt bei geringstem Aufwand. Statt Stillstände und Stückzahlen auf Papier zu notieren, werden diese Daten automatisch von der Maschine erfasst. Bei modernen Steuerungen über OPC UA, bei Bestandsanlagen über digitale I/O-Gateways. Kein SPS-Eingriff nötig, keine Produktionsunterbrechung. Bei SYMESTIC geht die erste Anlage in Stunden live.

    Phase 2: Betriebsdaten digitalisieren. Der Werker qualifiziert Stillstandsgründe am Shopfloor-Client statt auf Papier. Fertigungsaufträge kommen digital aus dem ERP auf den Bildschirm. Stückzahl-Rückmeldungen fliessen automatisch zurück ins ERP. Der Laufzettel verschwindet.

    Phase 3: Dokumentation und Reporting. Schichtberichte werden digital erstellt. Prüfprotokolle werden im System erfasst. Arbeitsanweisungen werden am Bildschirm angezeigt und zentral aktualisiert. Reports entstehen automatisch aus den erfassten Daten, kein manuelles Zusammentragen mehr.

    Die Reihenfolge ist entscheidend. Phase 1 liefert sofort messbare Ergebnisse und schafft die Datenbasis für alles Weitere. Wer mit Phase 3 beginnt (digitale Formulare statt Papierformulare), hat am Ende digitales Papier, aber keine echte Verbesserung.


    Paperless Manufacturing und MES

    Ein MES (Manufacturing Execution System) ist die natürliche Plattform für Paperless Manufacturing. Nicht die einzige Möglichkeit, aber die naheliegendste.

    Warum? Weil ein MES genau die Funktionen bündelt, die Papier ersetzen:

    • Automatische Maschinendatenerfassung statt Klemmbrett
    • Digitales Schichtbuch statt handschriftlichem Bericht
    • Shopfloor-Clients für Stillstandsqualifizierung statt Papierformular
    • Automatische OEE-Berechnung statt Excel
    • ERP-Integration für Aufträge und Rückmeldungen statt Laufzettel
    • Digitale Dokumente am Arbeitsplatz statt laminierter Blätter

    Ein Cloud-MES hat dabei einen zusätzlichen Vorteil: Es braucht keine lokale IT-Infrastruktur. Kein Server im Werk, keine aufwendige Installation. Die Maschinen werden über IoT-Gateways angebunden, die Daten fliessen in die Cloud, die Auswertung erfolgt im Browser. Der Einstieg in Paperless Manufacturing wird damit deutlich einfacher und schneller.

    SYMESTIC bietet dafür einen modularen Baukasten. Man kann mit der reinen Maschinendatenerfassung (MDE) starten und schrittweise erweitern: Betriebsdatenerfassung, Fertigungssteuerung, Schichtbuch, Alarme, Prozessdaten. Jeder Schritt ersetzt ein Stück Papier durch ein digitales System.


    Häufige Fragen zu Paperless Manufacturing

    Ist Paperless Manufacturing dasselbe wie "papierloses Büro"?

    Nein. Das papierlose Büro betrifft Verwaltungsprozesse: Rechnungen, Verträge, Korrespondenz. Paperless Manufacturing betrifft die Fertigung: Maschinendaten, Stillstandserfassung, Fertigungsaufträge, Prüfprotokolle, Arbeitsanweisungen, Schichtberichte. Die Systeme, die dabei zum Einsatz kommen, sind andere (MES statt DMS), und die Herausforderungen sind andere (Maschinenanbindung, Echtzeitdaten, Shopfloor-Tauglichkeit).

    Können wir Paperless Manufacturing umsetzen, wenn unsere Maschinen alt sind?

    Ja. Das ist einer der häufigsten Irrtümer. Auch Maschinen ohne digitale Schnittstelle, ohne OPC UA, ohne Netzwerkanschluss lassen sich anbinden. Digitale I/O-Gateways erfassen Maschinensignale direkt an der Steuerung, ohne SPS-Eingriff. Es reicht ein Takt-Signal (Maschine produziert / Maschine steht), um Verfügbarkeit und Stückzahlen automatisch zu erfassen. Das funktioniert mit Maschinen von 1990 genauso wie mit Neuanlagen.

    Wie lange dauert die Umstellung?

    Das hängt vom Umfang ab. Die reine Maschinendatenerfassung (Phase 1) lässt sich bei 10 Maschinen in unter einem Monat umsetzen. Ein vollständiges MES mit Auftragssteuerung, ERP-Integration und digitalem Schichtbuch dauert typischerweise drei bis sechs Monate. Der entscheidende Punkt: Man muss nicht alles auf einmal machen. Der schrittweise Einstieg liefert ab dem ersten Tag Ergebnisse.

    Akzeptieren die Mitarbeiter die Umstellung?

    Erfahrungsgemäss besser als erwartet, wenn zwei Bedingungen erfüllt sind. Erstens: Das neue System muss einfacher sein als das alte. Wenn der Shopfloor-Client komplizierter zu bedienen ist als das Papierformular, wird er nicht genutzt. Zweitens: Die Mitarbeiter müssen sehen, dass die erfassten Daten tatsächlich genutzt werden. Wenn Stillstandsgründe erfasst werden, aber nie eine Verbesserungsmassnahme folgt, sinkt die Motivation schnell.

    Brauche ich Paperless Manufacturing auch im regulierten Umfeld (GMP, Pharma)?

    Gerade dort. Im regulierten Umfeld sind die Dokumentationsanforderungen besonders hoch. Papierbasierte Dokumentation bedeutet hier: enormer Aufwand für Archivierung, Versionskontrolle und Audit-Vorbereitung. Digitale Systeme lösen diese Probleme strukturell. Bei Klocke (Pharma-Verpackung) wurde SYMESTIC im GMP-regulierten Umfeld eingesetzt, mit automatischer Erfassung und lückenloser digitaler Dokumentation.

    Martin Brandel
    Über den Autor:
    Martin Brandel
    MES Consultant und Projektleiter bei der symestic GmbH. Über 30 Jahre Erfahrung in industrieller Automatisierung und Maschinenanbindung. Dipl.-Ing. Nachrichtentechnik.

    Eine Anlage. Vier Wochen. Ihre Kriterien.

    Papierlos an einer Maschine beginnen

    Im Proof of Value binden wir eine Ihrer Maschinen an und erfassen vier Wochen lang Stillstände und Mengen automatisch. Diese Liste führt dann niemand mehr von Hand.

    Einstieg500 € einmalig · zzgl. USt.

    1. Eine Anlage anbinden
    2. Vier Wochen live messen
    3. Ergebnis gegen Ihre Kriterien prüfen