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Push- und Pull-Steuerung: Definition, Unterschiede & Praxis

Was ist Push- und Pull-Steuerung?

Push-Steuerung und Pull-Steuerung sind die zwei grundlegenden Prinzipien der Fertigungssteuerung. Bei Push wird auf Basis von Prognosen und Planaufträgen produziert, bei Pull löst der tatsächliche Bedarf der nachgelagerten Stufe die Produktion aus. In der Praxis arbeiten die meisten Fertigungsbetriebe mit einer Kombination aus beiden.

Die Unterscheidung geht auf das Toyota Production System (TPS) zurück. Taiichi Ohno formulierte in den 1950er-Jahren das Pull-Prinzip als Gegenentwurf zur prognosegetriebenen Massenproduktion westlicher Prägung. Die Idee: Nicht der Produktionsplan bestimmt, was gefertigt wird, sondern der Verbrauch am Ende der Kette. Das Kanban-System als physische Umsetzung dieses Prinzips wurde zum Fundament von Lean Production.

Aber: Push ist nicht veraltet. Push ist das richtige Prinzip, wenn die Vorlaufzeiten lang, die Nachfrage stabil und die Losgrößen gross sind. Pull funktioniert bei kurzen Durchlaufzeiten, hoher Variantenvielfalt und direktem Kundenabruf. Die eigentliche Frage ist nicht „Push oder Pull?", sondern: „Wo in meiner Wertschöpfungskette liegt der Entkopplungspunkt?"


Push-Steuerung: Wie sie funktioniert

In einem Push-System plant das ERP-System die Produktion voraus. Auf Basis von Absatzprognosen, Kundenrahmenverträgen und Lagerbestandsgrenzen werden Fertigungsaufträge erzeugt und an die Fertigung übergeben. Jede Produktionsstufe arbeitet ihren Plan ab und „schiebt" das Ergebnis an die nächste Stufe weiter.

Die technische Grundlage ist MRP II (Manufacturing Resource Planning). Das ERP berechnet aus dem Produktionsplan den Materialbedarf, die Kapazitätsauslastung und die Terminierung. Der Fertigungsauftrag enthält: Produkt, Menge, Starttermin, Endtermin, Arbeitsgang-Reihenfolge, Materialbereitstellung.

Typisches Push-Szenario: Ein Hersteller von Sanitärarmaturen plant auf Basis der Rahmenverträge mit dem Handel 50.000 Strahlregler pro Monat. Das ERP erzeugt wöchentlich Fertigungsaufträge, die Montageautomaten arbeiten die Aufträge nach Plan ab. Zwischen den Stufen (Spritzguss, Montage, Prüfung, Verpackung) entstehen Pufferbestände, die Schwankungen ausgleichen.

Wo Push funktioniert:

  • Stabile, prognostizierbare Nachfrage (Standardprodukte, Saisonware mit bekanntem Muster)
  • Lange Vorlaufzeiten (Schmieden, Gießen, chemische Prozesse)
  • Hohe Rüstkosten, die große Losgrößen erzwingen
  • Branchen mit regulatorisch vorgeschriebener Chargenfertigung (Pharma, Lebensmittel)

Wo Push zum Problem wird: Wenn die Prognose nicht stimmt. Jede Abweichung zwischen Plan und Realität erzeugt entweder Überbestände (Prognose zu hoch) oder Fehlmengen (Prognose zu niedrig). In der Praxis liegt die Prognosegenauigkeit auf Artikelebene selten über 70-80 %. Das Ergebnis: Lager voller Teile, die niemand braucht, und gleichzeitig Eilaufträge für Teile, die fehlen.


Pull-Steuerung: Wie sie funktioniert

In einem Pull-System löst der Verbrauch an einer Stelle die Nachproduktion an der vorgelagerten Stelle aus. Nicht der Plan treibt die Produktion, sondern das Signal „Ich brauche Nachschub". Dieses Signal kann ein physisches Kanban (Karte, leerer Behälter), ein elektronisches Kanban (E-Kanban im MES) oder ein EDI-Abruf vom Kunden sein.

Das Kanban-Prinzip im Detail: Zwischen zwei Produktionsstufen gibt es einen definierten Puffer mit einer festen Anzahl Kanban-Karten. Jede Karte steht für eine bestimmte Menge eines bestimmten Teils. Wenn die nachgelagerte Stufe ein Teil aus dem Puffer entnimmt, wird die zugehörige Karte frei und signalisiert der vorgelagerten Stufe: „Produziere nach." Die Anzahl der Karten begrenzt den Umlaufbestand (WIP, Work in Process). Weniger Karten = weniger WIP = kürzere Durchlaufzeit.

Typisches Pull-Szenario in der Automobilindustrie: Der OEM (z.B. Mercedes, BMW, VW) sendet per EDI einen JIS-Abruf (Just-in-Sequence) mit der exakten Reihenfolge der benötigten Instrumententafeln. Das MES beim Zulieferer übernimmt den Abruf, erzeugt daraus die Montagereihenfolge (Perlenkette) und steuert jede Station in Echtzeit. SYMESTIC unterstützt genau dieses Szenario mit der JIS/JIT Order Control: EDI-Eingang, Auftrags-Enrichment, Montagesteuerung, PokaYoke-Kontrolle, Verpackung und EDI-Ausgang. Bei Tier-1-Zulieferern wie ADIENT, Yanfeng und Faurecia läuft dieses System mit SYMESTIC im Drei-Schicht-Betrieb.

Wo Pull funktioniert:

  • Hohe Variantenvielfalt bei kleinen Losgrößen (JIS/JIT-Automotive, kundenspezifische Konfigurationen)
  • Kurze Durchlaufzeiten (Montage, Verpackung)
  • Direkte Kundenabrufe statt Prognosen
  • Branchen mit schnell wechselnder Nachfrage (FMCG, Konsumgüter)

Wo Pull an Grenzen stößt: Bei langen Vorlaufzeiten. Wenn das Rohmaterial 12 Wochen Lieferzeit hat, kann nicht auf den Kundenabruf gewartet werden. Und bei Prozessen mit hohen Rüstkosten (Pressen, Öfen, Extruder) erzwingt die Wirtschaftlichkeit größere Lose als ein reines Pull-System vorsieht.


Push vs. Pull: Der Vergleich

Kriterium Push-Steuerung Pull-Steuerung
Auslöser der Produktion Prognose / Produktionsplan aus dem ERP Verbrauch / Kundenabruf / Kanban-Signal
Planungslogik Zentral (MRP II), vorausschauend Dezentral, reaktiv auf Bedarf
WIP-Steuerung Nicht begrenzt (Plan bestimmt Menge) Begrenzt durch Kanban-Anzahl oder Abruf
Bestandshöhe Tendenziell hoch (Sicherheitsbestände, Prognoseabweichungen) Tendenziell niedrig (nur Umlaufbestand im System)
Durchlaufzeit Länger (Warteschlangen zwischen Stufen) Kürzer (weniger WIP = weniger Wartezeit)
Flexibilität Gering (Planänderung aufwändig) Hoch (reagiert auf tatsächlichen Bedarf)
Risiko Überproduktion, Obsoleszenz, hohe Lagerkosten Unterversorgung bei Nachfragespitzen, Lieferunfähigkeit
Typische Branche Prozessindustrie, Schmieden, Gießen, Pharma-Wirkstoff Automotive JIS/JIT, Elektronik-Montage, FMCG-Verpackung
IT-Unterstützung ERP (MRP II), PPS, APS MES (Kanban-Steuerung, JIS/JIT Order Control), E-Kanban

Die Realität: Warum die meisten Fertigungen hybrid arbeiten

Die Lehrbuch-Trennung „Push oder Pull" existiert in der Praxis selten in Reinform. Fast jede Fertigung kombiniert beide Prinzipien, getrennt durch einen Entkopplungspunkt (Decoupling Point).

So funktioniert das in der Praxis: Upstream vom Entkopplungspunkt wird nach Push-Logik gearbeitet: Rohmaterial wird auf Prognose beschafft, Halbzeuge werden auf Lager vorproduziert. Downstream vom Entkopplungspunkt wird nach Pull-Logik gearbeitet: Die Endmontage startet erst auf Kundenabruf. Der Entkopplungspunkt ist das strategische Lager dazwischen.

Bei Schmiedetechnik Plettenberg sieht das konkret so aus: InforCOM als ERP-System plant die Fertigungsaufträge (Push). SYMESTIC übernimmt die Aufträge automatisch über die ERP-Schnittstelle und steuert die Ausführung am Shopfloor. Die Echtzeit-Rückmeldungen (Mengen, Zeiten, Stillstände) fließen ohne manuelle Zwischenschritte zurück ins ERP. Thorsten Manns, Technischer Leiter, beschreibt den Effekt: „SYMESTIC verschafft uns eine durchgängige Echtzeittransparenz, die wir in dieser Form vorher nicht hatten. Dadurch können wir schneller eingreifen und unsere Prozesse deutlich stabiler steuern."

Bekannte Hybrid-Systeme:

System Push-Anteil Pull-Anteil Typischer Einsatz
CONWIP (Constant Work in Process) Auftragsreihenfolge kommt aus dem Plan WIP-Menge ist gedeckelt, neuer Auftrag startet erst, wenn einer fertig ist Werkstattfertigung, CNC-Bearbeitung
Drum-Buffer-Rope (DBR, Theory of Constraints) Engpass (Drum) bestimmt den Takt Material wird nur so schnell eingesteuert, wie der Engpass verarbeiten kann (Rope) Fertigung mit klarem Engpass (z.B. Wärmebehandlung, Lackierung)
MRP + Kanban MRP plant Gesamtbedarf und Beschaffung Kanban steuert den Materialfluss zwischen Arbeitsstationen Serienfertigung mit stabiler Grundlast und variabler Endmontage

Die Rolle des MES bei Push und Pull

Ein MES ist das System, das beide Steuerungsprinzipien im operativen Betrieb umsetzt. Das ERP plant (Push-Logik), das MES steuert die Ausführung und liefert die Echtzeit-Rückmeldung, die den Plan mit der Realität abgleicht.

Bei Push-gesteuerter Fertigung übernimmt das MES den Fertigungsauftrag aus dem ERP, verteilt ihn auf Maschinen, erfasst Stückzahlen, Stillstände und Qualitätsdaten in Echtzeit und meldet den Fortschritt zurück. Der entscheidende Mehrwert: Ohne MES weiß das ERP erst am Schichtende (oder am nächsten Tag), was tatsächlich passiert ist. Mit MES weiß es in Echtzeit. Bei Meleghy werden Maschinenzyklen über die bidirektionale ABAP-IDoc-Schnittstelle Fertigungsaufträgen in SAP R3 zugeordnet. Die Daten fließen automatisch zurück: 10 % Reduktion von Stillstandszeiten, 7 % Verbesserung der Ausbringung, 5 % Verbesserung der Verfügbarkeit.

Bei Pull-gesteuerter Fertigung übernimmt das MES eine steuernde Rolle: JIS/JIT-Abrufe vom OEM per EDI empfangen, Auftragsreihenfolge erzeugen, Montageanleitungen an Werkerstationen senden, PokaYoke-Kontrollen ausführen, Traceability dokumentieren und Versandbehälter steuern. SYMESTIC unterstützt dafür EDI-Formate von AUDI (DELJIT/SYNCRO), Mercedes (VDA4916), BMW (SPAB), VW (EDIFACT-DELJIT), VOLVO (VCCBOM) und weiteren OEMs.

In beiden Fällen liefert das MES die Datenbasis für Verbesserung. Ob Push oder Pull: Ohne Echtzeit-Transparenz über OEE, Stillstandsgründe und Taktzeiten lassen sich weder Prognosen verbessern (Push) noch Kanban-Kreisläufe optimieren (Pull). Bei Neoperl werden SPS-Alarme mit Stillständen und Qualitätsdefekten korreliert. Ergebnis: 15 % weniger Ausschuss und 10 % weniger Stillstände. Diese Daten sind unabhängig vom Steuerungsprinzip wertvoll.


Typische Fehler bei der Wahl des Steuerungsprinzips

Fehler 1: Pull überall einführen, ohne die Voraussetzungen zu prüfen. Pull funktioniert nur, wenn die Durchlaufzeiten kurz genug sind, um auf den Bedarf zu reagieren. Wer einen Schmiedeprozess mit 8 Stunden Ofenzeit auf Pull umstellen will, erzeugt Lieferunfähigkeit. Die Frage ist nicht „Wollen wir Pull?", sondern „Wie kurz ist unsere Reaktionszeit, und ist sie kürzer als die Lieferzeit, die der Kunde akzeptiert?"

Fehler 2: Push ohne Echtzeit-Rückmeldung betreiben. Das größte Problem der Push-Steuerung ist nicht der Plan selbst, sondern die Verzögerung zwischen Plan und Realität. Wenn das ERP erst am Folgetag erfährt, dass ein Fertigungsauftrag nur zu 60 % abgearbeitet wurde, ist der Folgeauftrag bereits eingeplant. Ein MES mit Echtzeit-Rückmeldung schließt diese Lücke. Bei Schmiedetechnik Plettenberg war genau das die Ausgangslage: InforCOM bildete die Auftragswelt sauber ab, aber die Rückmeldung vom Shopfloor fehlte.

Fehler 3: Kanban ohne WIP-Limit einführen. Kanban ohne definierte Obergrenze für Karten ist kein Pull, sondern nur ein anderes Planungswerkzeug. Der Kern von Pull ist die Begrenzung des Umlaufbestands. Ohne diese Begrenzung fehlt der Regelungsmechanismus, und das System degeneriert zurück zu Push mit visueller Karte.

Fehler 4: Das Steuerungsprinzip wählen, ohne die Datengrundlage zu haben. Bevor entschieden wird, ob Push oder Pull besser passt, muss bekannt sein: Wie hoch ist die aktuelle OEE? Wo liegen die Hauptverluste? Wie lang sind die realen Durchlaufzeiten (nicht die geplanten)? Wie hoch sind die tatsächlichen Rüstzeiten? Ohne diese Daten ist jede Entscheidung Bauchgefühl. Ein Cloud-MES wie SYMESTIC liefert diese Daten ab dem ersten Tag. Bei Klocke wurde die Datenerfassung (Stückzahlen, Stillstände) in 3 Wochen ausgerollt, bei Brita ohne PoC direkt gestartet.


Häufige Fragen zu Push- und Pull-Steuerung

Was ist besser: Push oder Pull?
Keines von beiden. Die Wahl hängt vom Prozesstyp ab. Lange Vorlaufzeiten und stabile Nachfrage sprechen für Push. Kurze Durchlaufzeiten und direkte Kundenabrufe sprechen für Pull. Die meisten Fertigungen kombinieren beide Prinzipien, getrennt durch einen Entkopplungspunkt.

Wie hängen Kanban und Pull-Steuerung zusammen?
Kanban ist die bekannteste Umsetzung des Pull-Prinzips. Die Kanban-Karte (physisch oder elektronisch) ist das Signal, das die Nachproduktion auslöst. Entscheidend ist die begrenzte Anzahl der Karten, die den Umlaufbestand (WIP) deckelt. Ohne WIP-Limit ist es kein echtes Pull.

Welche Rolle spielt ein MES bei Push- und Pull-Steuerung?
Bei Push: Das MES übernimmt Fertigungsaufträge aus dem ERP und meldet den tatsächlichen Fortschritt in Echtzeit zurück. Bei Pull: Das MES steuert die Auftragsausführung auf Basis von Kundenabrufen (JIS/JIT) oder E-Kanban-Signalen. In beiden Fällen liefert es die Datenbasis für Kennzahlen, Stillstandsanalyse und Verbesserungsmassnahmen.

Was ist ein Entkopplungspunkt?
Der Punkt in der Wertschöpfungskette, an dem die Steuerungslogik von Push auf Pull wechselt. Upstream wird auf Prognose produziert (Push), downstream wird auf Kundenabruf produziert (Pull). Der Entkopplungspunkt bestimmt, wo strategische Bestände gehalten werden.

Kann ich von Push auf Pull umstellen?
Ja, schrittweise. Der erste Schritt ist Transparenz: Reale Durchlaufzeiten, Rüstzeiten und Verlustquellen kennen. Dann Rüstzeiten reduzieren (SMED), Losgrößen verkleinern, WIP begrenzen. Ein MES mit Echtzeit-OEE zeigt, ob die Maßnahmen wirken. Die Umstellung ist kein Einmalprojekt, sondern ein KVP-Prozess.

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