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Kapazitätsplanung in der Fertigung: Berechnung, Kennzahlen & Analyse

Was ist Kapazitätsplanung?

Kapazitätsplanung (englisch: Capacity Planning) ist der Abgleich zwischen dem Kapazitätsbedarf (Was muss produziert werden?) und dem Kapazitätsangebot (Was kann produziert werden?). Ziel ist, dass ausreichend Produktionskapazität zur Verfügung steht, um den Kundenbedarf termingerecht zu erfüllen, ohne Anlagen dauerhaft zu überlasten oder leer stehen zu lassen.

In der diskreten Fertigung bezieht sich Kapazität primär auf Maschinenzeit, Personalstunden und Materialverfügbarkeit. Die Kapazitätsplanung verbindet die Produktionsplanung (PPS) mit der operativen Fertigungssteuerung und ist eine Kernfunktion innerhalb des MES.


Kapazität berechnen: Von der theoretischen zur effektiven Kapazität

Die größte Fehlerquelle in der Kapazitätsplanung: Es wird mit der falschen Kapazitätsgröße geplant. In der Praxis gibt es vier Stufen, und jede hat eine andere Aussagekraft:

Kapazitätsstufe Definition Rechenbeispiel (1 Anlage, 3-Schicht)
Theoretische Kapazität Maximale Kapazität bei 24h/365 Tage, ohne jede Unterbrechung. Entspricht der TEEP-Bezugsgröße. 24h x 365 = 8.760 h/Jahr
Geplante Kapazität Theoretische Kapazität minus geplante Nicht-Produktionszeiten (Wochenenden, Feiertage, Betriebsferien, geplante Wartung). 8.760 - 2.880 (Wochenenden) - 480 (Feiertage/Ferien) - 200 (geplante Wartung) = 5.200 h/Jahr
Verfügbare Kapazität Geplante Kapazität minus Ausfallzeiten (ungeplante Störungen, Rüstzeiten). Entspricht der tatsächlichen Laufzeit. 5.200 - 520 (Störungen) - 390 (Rüsten) = 4.290 h/Jahr
Effektive Kapazität Verfügbare Kapazität, bereinigt um Leistungs- und Qualitätsverluste. Nur die Stunden, in denen tatsächlich Gutteile mit voller Geschwindigkeit produziert werden. 4.290 x 92 % Leistung x 98 % Qualität = 3.868 h/Jahr

Die Differenz ist erheblich: Von 8.760 theoretischen Stunden bleiben 3.868 effektive Stunden, also 44 %. In den meisten Fertigungsbetrieben liegt dieser Wert zwischen 35 und 55 %. Wer mit der theoretischen Kapazität plant, plant an der Realität vorbei.

Die entscheidende Frage: Mit welcher Stufe planen Sie? Für die kurzfristige Feinplanung (Schicht/Woche) muss die effektive Kapazität zugrunde liegen. Für strategische Entscheidungen (Investition in neue Anlage) ist die Differenz zwischen theoretischer und effektiver Kapazität das Verbesserungspotenzial.


Kapazitätsauslastung: Die zentrale Kennzahl

Die Kapazitätsauslastung zeigt, wie viel der verfügbaren Kapazität tatsächlich genutzt wird:

Kapazitätsauslastung = Kapazitätsbedarf / Verfügbare Kapazität x 100 %

Rechenbeispiel: Eine Anlage hat eine verfügbare Kapazität von 4.290 Stunden pro Jahr. Der Kapazitätsbedarf aus den Kundenaufträgen beträgt 3.860 Stunden. Auslastung = 3.860 / 4.290 = 90 %.

Auslastung Bewertung Konsequenz
Unter 70 % Unterauslastung Fixkosten pro Teil steigen. Anlage ist zu teuer für das aktuelle Auftragsvolumen. Prüfen: Aufträge konsolidieren, Schichtmodell anpassen, Anlage stilllegen.
70 bis 85 % Guter Bereich Ausreichend Puffer für Nachfrageschwankungen und ungeplante Störungen. Flexibilität bleibt erhalten.
85 bis 95 % Hohe Auslastung Geringer Puffer. Jede ungeplante Störung führt direkt zu Lieferverzögerungen. Überstunden werden zur Regel.
Über 95 % Überlastung Kein Puffer. Wartung wird aufgeschoben, Qualität sinkt, Durchlaufzeiten explodieren. Kurzfristig möglich, langfristig destruktiv.

Die optimale Auslastung liegt nicht bei 100 %. In der diskreten Fertigung sind 80 bis 90 % der Zielkorridor. Der verbleibende Puffer fängt Nachfrageschwankungen, Störungen und Rüstzeiten ab. Betriebe, die dauerhaft über 95 % fahren, zahlen den Preis in Form von Qualitätsproblemen, verschleppter Wartung und Mitarbeiterfluktuation.


Die drei Planungshorizonte in der Fertigung

Horizont Zeitraum Entscheidungen Datenquelle
Operativ (Feinplanung) Schicht, Tag, Woche Auftragsreihenfolge, Maschinenbelegung, Personalzuordnung, Rüstreihenfolge optimieren MES (Echtzeit-OEE, aktuelle Auslastung, Störungen), ERP (offene Aufträge)
Taktisch (Grobplanung) Monat, Quartal Schichtmodell anpassen (2-Schicht auf 3-Schicht), Leihpersonal einplanen, Wartungsfenster koordinieren, Losgrößen anpassen ERP (Bedarfsprognose), MES (historische Kapazitätsdaten, OEE-Trends)
Strategisch Jahr, Mehrjahresplanung Neue Anlagen investieren, Werke erweitern oder konsolidieren, Make-or-Buy-Entscheidungen, Outsourcing TEEP (theoretische Gesamtkapazität), Marktprognosen, Kostenanalyse

In der Praxis scheitert die Kapazitätsplanung häufig an der fehlenden Verbindung zwischen diesen Horizonten. Das ERP plant mit Standardzeiten aus den Stammdaten (z. B. Rüstzeit 30 Minuten), aber die reale Rüstzeit liegt bei 45 Minuten. Die Folge: Der Plan sieht machbar aus, die Fertigung läuft aber in Engpässe. Erst wenn die tatsächlichen Ist-Zeiten aus dem MES in die Planung zurückfließen, wird der Kapazitätsabgleich realistisch.


OEE und TEEP: Versteckte Kapazitäten sichtbar machen

Die OEE und die TEEP sind die beiden Kennzahlen, die den Zusammenhang zwischen Kapazitätsplanung und Anlagenleistung herstellen:

Kennzahl Bezugsgröße Was sie zeigt Relevanz für Kapazitätsplanung
OEE Geplante Produktionszeit Wie effektiv die geplante Produktionszeit genutzt wird (Verfügbarkeit x Leistung x Qualität). Operative Verbesserung: Wie viel Kapazität gewinne ich zurück, wenn ich Verluste reduziere?
TEEP (Total Effective Equipment Performance) Kalenderzeit (24/7/365) Wie viel der theoretisch maximal möglichen Kapazität tatsächlich für Gutteile genutzt wird. Strategische Investitionsentscheidung: Brauche ich eine neue Anlage, oder kann ich mehr aus der bestehenden herausholen?

Rechenbeispiel: Eine Anlage läuft im 2-Schicht-Modell (16h/Tag, 230 Arbeitstage). OEE = 75 %. TEEP = OEE x (geplante Produktionszeit / Kalenderzeit) = 75 % x (3.680h / 8.760h) = 75 % x 42 % = 31,5 %.

Das bedeutet: Nur 31,5 % der theoretischen Kapazität werden für Gutteile genutzt. 68,5 % sind „versteckte Kapazität", aufgeteilt in: Nicht geplante Zeit (58 % der Kalenderzeit, weil nur 2 Schichten), Verfügbarkeitsverluste (Störungen, Rüsten), Leistungsverluste und Qualitätsverluste.

Die strategische Frage: Bevor eine neue Anlage für 500.000 bis 2.000.000 € beschafft wird, lohnt es sich zu prüfen, ob ein 3-Schicht-Modell oder eine OEE-Verbesserung von 75 % auf 85 % den Bedarf nicht günstiger decken kann. In vielen Fällen ist die Antwort ja.


Engpass-Identifikation: Wo sitzt der Flaschenhals?

In einer verketteten Produktion bestimmt die Anlage mit der niedrigsten Kapazität (der Engpass) den Durchsatz der gesamten Linie. Die Theory of Constraints (TOC) nach Eliyahu Goldratt liefert die Methode:

  1. Engpass identifizieren: Welche Anlage hat die höchste Auslastung und/oder die niedrigste OEE? Vor dieser Anlage bilden sich Bestände, nach ihr stehen Anlagen leer.
  2. Engpass auslasten: Sicherstellen, dass der Engpass nie stillsteht. Rüstzeiten minimieren (SMED), Wartung in Randzeiten legen, Pufferlager vor dem Engpass.
  3. Alles andere dem Engpass unterordnen: Vor- und nachgelagerte Anlagen produzieren nur so viel, wie der Engpass verarbeiten kann. Überproduktion vor dem Engpass erzeugt nur Bestände, keine Ausbringung.
  4. Engpass erweitern: Investition nur am Engpass (Schichtmodell erweitern, Parallelanlage, Automatisierung).
  5. Wiederholen: Wenn der Engpass beseitigt ist, wandert er zur nächsten Anlage. Der Kreislauf beginnt erneut.

In der Praxis zeigt sich: Der vermutete Engpass ist nicht immer der tatsächliche Engpass. Die gefühlte Einschätzung des Schichtleiters weicht regelmäßig von den OEE-Daten ab. Erst die automatische Erfassung von Auslastung, Stillständen und Zykluszeiten pro Anlage zeigt, wo der tatsächliche Flaschenhals sitzt.


Kapazitätsplanung vs. Ressourcenplanung: Der Unterschied

Kriterium Kapazitätsplanung Ressourcenplanung
Fokus Wieviel kann produziert werden? (Mengenabgleich: Bedarf vs. Angebot) Womit wird produziert? (Zuordnung von konkreten Ressourcen zu Aufträgen)
Frage Reicht die Kapazität für den Bedarf? Welche Maschine, welcher Mitarbeiter, welches Werkzeug für welchen Auftrag?
Ergebnis Kapazitätsabgleich: Überkapazität, Deckung oder Engpass Belegungsplan: Wer macht was wann auf welcher Anlage?
Systemebene ERP (Grobplanung) + MES (Ist-Daten) PPS / MES (Feinplanung)

Beide hängen zusammen: Erst bestimmt die Kapazitätsplanung, ob genug Kapazität vorhanden ist. Dann ordnet die Ressourcenplanung die konkreten Ressourcen den Aufträgen zu. Ohne realistischen Kapazitätsabgleich ist jeder Belegungsplan Makulatur.


Typische Fehler in der Kapazitätsplanung

Fehler 1: Mit Standardzeiten statt Ist-Zeiten planen.
Das ERP enthält Vorgabezeiten aus der Arbeitsvorbereitung (z. B. Bearbeitungszeit 12 Minuten, Rüstzeit 30 Minuten). Die Realität weicht ab: Bearbeitungszeit 13,5 Minuten, Rüstzeit 42 Minuten. Über 20 Anlagen und 200 Aufträge pro Woche summiert sich das zu einer Planungsabweichung von 10 bis 15 %. Lösung: Ist-Zeiten aus dem MES regelmäßig in die ERP-Stammdaten zurückschreiben.

Fehler 2: Ausfallzeiten nicht einplanen.
Die geplante Kapazität wird als verfügbar angenommen. In der Realität gehen 10 bis 20 % durch ungeplante Störungen, Rüsten und Anlaufverluste verloren. Lösung: Einen Störungsabzug auf Basis historischer OEE-Daten einrechnen. Wenn die Anlage historisch 82 % Verfügbarkeit hat, mit 82 % der geplanten Zeit rechnen, nicht mit 100 %.

Fehler 3: Engpass-Blindheit.
Die Gesamtkapazität sieht auf dem Papier ausreichend aus, aber eine einzelne Anlage in der Prozesskette ist überlastet. Die Gesamtauslastung beträgt 75 %, aber der Engpass läuft bei 98 %. Lösung: Kapazitätsplanung nicht auf Werksebene, sondern auf Anlagenebene (oder zumindest Anlagengruppenebene) durchführen.


Häufige Fragen zur Kapazitätsplanung

Was ist der Unterschied zwischen Kapazität und Auslastung?
Kapazität ist das Angebot: Wie viel kann eine Anlage maximal in einem Zeitraum produzieren? Auslastung ist der Nutzungsgrad: Wie viel der verfügbaren Kapazität wird tatsächlich genutzt? Kapazität wird in Stunden oder Stückzahlen gemessen. Auslastung in Prozent.

Was ist TEEP und wofür brauche ich es?
TEEP (Total Effective Equipment Performance) bezieht die OEE auf die gesamte Kalenderzeit (24/7/365), nicht nur auf die geplante Produktionszeit. TEEP zeigt, wie viel der theoretisch maximalen Kapazität tatsächlich genutzt wird. TEEP ist die richtige Kennzahl für strategische Kapazitätsentscheidungen: Brauche ich eine neue Anlage, oder kann ich durch Schichterweiterung und OEE-Verbesserung den Bedarf decken?

Wie finde ich den Engpass in meiner Produktion?
Der Engpass ist die Anlage mit der höchsten Auslastung und/oder der niedrigsten OEE. Vor dem Engpass bilden sich Bestände, nach dem Engpass stehen Anlagen leer. Die zuverlässigste Methode: OEE und Auslastung pro Anlage automatisch erfassen und vergleichen. Die gefühlte Einschätzung liegt erfahrungsgemäß in 40 % der Fälle falsch.

Warum sollte die Zielauslastung nicht bei 100 % liegen?
Eine Auslastung von 100 % bedeutet null Puffer. Jede ungeplante Störung, jede Nachfrageschwankung führt direkt zu Lieferverzögerungen. Der Zielkorridor in der diskreten Fertigung liegt bei 80 bis 90 %. Der verbleibende Puffer fängt Störungen, Rüsten und Bedarfsspitzen ab.

Welche Rolle spielt OEE in der Kapazitätsplanung?
OEE zeigt, wie viel der geplanten Produktionszeit effektiv genutzt wird. Jeder OEE-Prozentpunkt, den Sie gewinnen, ist zusätzliche Kapazität ohne Investition. Eine OEE-Verbesserung von 75 % auf 85 % auf einer Anlage mit 5.200 geplanten Stunden/Jahr entspricht 520 Stunden zusätzlicher effektiver Kapazität, also fast 3 Monate einer zusätzlichen Schicht.

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